Jahrgang 
3 (1858)
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Der Sieg des Schwachen.

ihn von einem nahen Verwandten ſeiner Mutter, der imWüͤrttembergi⸗ ſchen anſäſſig war, woſelbſt er zu denFrommen gehörte. Dieſer wackere Mann beſuchte die Familie auch nach dem Tode ſeiner Baſe jährlich ein paarmal und arbeitete, nachdem die Bekehrung des alten Schneiders und ſeiner zweiten Ehehälfte ſich als unmöglich erwieſen hatte, an der geiſtlichen Erziehung ſeines Pathen, der ihm gutartig zuhörte und mit häufigemJa, ja beiſtimmte. Wäre er nicht geſtorben, ſo wuͤrde er den Burſchen viel⸗ leicht ganz zu dem Seinen gemacht haben. Vielleicht! Denn in Tobias, als er heranwuchs, trat immer mehr ein Charakterzug hervor, den wir nicht anders alsweltliche Eitelkeit nennen können. Von ſeinen Kameraden einmal wegen ſeines Vornamens verſpottet, beklagte er ſich daruͤber gegen denDoten und ſprach ſein Bedauern aus, keinenſchönern zu haben. Der Fromme, der dadurch nicht nur den Tobias der Schrift, ſondern auch ſich ſelber beleidigt und einen gefährlichen ſündlichen Hang in dem Burſchen zu Tage treten ſah, ereiferte ſich gewaltig und hielt ihm eine Strafpredigt, in welcher er ſeine gewöhnliche Sanftmuth ganz bei Seite ſetzte und ihm die fleiſchliche Dummheit mit einer fleiſchlichen Heftigkeit vorhielt, deren ſich ein tüchtiger Naturmenſch nicht hätte ſchämen dürfen. Der gute Junge ſtand höchſt betroffen da und bekannte, niedergedonnert, ſein Unrecht einzuſehen; gleichwohl flüſterte eine Stimme in ſeinem Innern, daß es eben doch viel beſſer wäre, wenn er Fritz hieße. Als der Pathe geſtorben war, ſtand dieſem Hang kein frommer Zuchtmeiſter mehr entgegen und ſeine Bildung und ſein Schickſal nahmen einen andern Verlauf, den ich eben hier zu er⸗ zählen habe.

Tobias lernte von dem Vater das Handwerk und wurde ein Schneider im reinſten Sinne des Worts. Um einen halben Kopf kleiner als der Alte, die Gliedmaßen zart, das Geſicht hübſch und zierlich, die Farbe hell, die ganze Perſon leicht und fein, ſchien er von dem Starken nichts geerbt zu haben, als das Selbſtgefühl, das bei ihm aber einen vorherrſchend mädchen⸗ haften Charakter annahm. Er war ein guter, ein ungewöhnlich guter Menſch, unſer Tobias, wohlmeinend gegen alle Welt, und begriff nicht, wie man ein Vergnügen daran haben könne, andere ohne Noth zu vexiren und zu plagen. Von Natur leicht erregbar und phantaſiebegabt, konnte er un⸗ ſchwer ſeine Faſſung verlieren, deßgleichen in jene Gemüthslage kommen, wo einem nach dem Rieſer Ausdruckalle ſeine Suͤnden einfallen. Er pflegte ſich dann nicht beſonders aus der Affaire zu ziehen und ſich über ſein