10 Das Fräulein von Roc-estroit.
„Ich ſagte ja und ging gleich mit dem Manne ins Schloß. Schon im Vorzimmer kam mir der Graf entgegen. Er war eigentlich ein ſtolzer Herr, aber jetzt war er wie gebrochen. Er fiel mir beinahe um den Hals, und als ich voll Reſpekt zurücktrat, nahm er meine beiden Hände, drückte ſie feſt zuſammen und ſchluchzte:„O Cathon, das will ich dir nie vergeſſen!“ Dann führte er mich ins Zimmer der Gräfin.— Ich ſeh es noch vor mir, wie die junge, ſchöne Frau in ihrem Todtenhemde dalag, faſt noch ſchöner, als im Leben, denn ſie ſah verklärt aus, wie eine Heilige. Am Fuße des Bettes ſtand die Wiege. Die Kranke hatte ſich nicht davon trennen mögen, und ſeit die Amme vom Fieber befallen war, hatte man das kleine Weſen wieder hierher geſchafft. Jetzt ſchlief es ſo ſanft neben ſeiner todten Mutter, ſah ſo roſig, ſo friedlich aus— das arme, arme Ding!
„Ich konnte den Anblick nicht ertragen, nahm das Kind in die Höhe und gab ihm einen Kuß, daß es ſchreiend aufwachte. Aber wie es mich ſo kläglich anſah, war es plötzlich, als ob etwas in mir zerriſſen wurde, was mir ſo lange das Herz zugeſchnürt hatte— ich konnte weinen. Bis dahin war es immer geweſen, als ob ich an meiner Angſt und Qual erſticken müßte. Und zugleich fiel mir ein, wie unſer Heiland zur Mutter Maria ſagt, die in Jammer verſunken am Kreuze ſteht:„Weib, ſiehe, das iſt dein Sohn!“ Auch meiner Verlaſſenheit hatte ſich der gute Gott erbarmt und hatte mir dies Kind gegeben. Ich gelobte in meinem Herzen, nach beſten Kräften Mutterſtelle an ihm zu vertreten.
„Sobald ich meine Kinder zu Grabe begleitet hatte, zog ich ganz ins Schloß. Ich gewöhnte mich bald an das neue Leben, vielleicht darum, weil alles um mich her eben ſo ernſt und traurig war, wie ich ſelbſt. Nur das Kind nicht, das wurde von einem Tage zum andern ſchöner und munterer; ſelbſt der Herr Graf mußte lächeln, wenn es ihm jauchzend die Aermchen entgegenſtreckte. Und wie lieb ich das kleine Weſen hatte! Ich wußte bald nicht mehr, daß es nicht mein eigen Fleiſch und Blut war.— Damit will ich aber nur ausdrücken, wie ich's im Herzen fühlte, denn äußerlich zeigte ſich's immer, daß ich zur Dienerſchaft gehörte. Das Kind war kaum ein halbes Jahr alt, als ich ſeine Pflege übernahm— aber von der erſten Stunde an durfte ich in Gegenwart des Herrn Grafen nicht anders als
„Fräulein Alix“ zu ihm ſagen. Sobald die Kleine anfing mit am Tiſche zu ſpeiſen, ſtand ich während der ganzen Mahlzeit hinter ihrem Stuhle, und wenn der Herr Graf in die Kinderſtube kam, wo er oft ſtundenlang
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