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Von Claire von Glümer. 9
„Dabei fällt mir aber ein, daß ich noch gar nicht geſagt habe, auf welche Weiſe ich ins Schloß gekommen bin.
„Ich wohnte nämlich unten im Dorfe; mein Mann war Matroſe und wie die meiſten Männer von Roc⸗estroit nur ſelten zu Hauſe. Da war es dann mein Troſt und meine Freude, daß ich ein Kind hatte, ein kleines Mädchen mit derben Gliedern, braunen Augen und braunem Haar, wie ſein Vater, und das auch nach ſeinem Namen— er hieß der große Robert — Berthe getauft war. Es ſtörte mich nicht, daß der Mann lieber einen Jungen gehabt hätte, denn ich dachte: was nicht iſt, kann noch werden!— und wirklich, als die Berthe eben vier Jahre alt war, kam auch ein kleiner Robert an.— Nun war mein Gluͤck faſt übergroß. Ich konnte gar nicht aufhören, mir die Freude und den Stolz des Mannes vorzuſtellen, wenn er nach fünf bis ſechs Monaten wiederkäme— er war ſchon ſeit einem Vierteljahre fort, als ich taufen ließ— und wenn er dann den dicken Bengel auf der Schwelle ſitzen ſähe.
„Aber es ſollte ganz anders kommen. Das Schiff ging unter mit Mann und Maus— wir erfuhren das, als wir ſchon anfingen, die Tage bis zur Rückkehr unſrer Männer zu zählen. Und zugleich ging ein böſes Fieber von einem Hauſe zum andern. Das war ein Elend, ein Jammer überall, und weil jeder ſo viel mit ſich ſelbſt zu thun hatte, dachte keiner daran, dem Nachbar Troſt oder Beiſtand zu bringen.
„So war ich denn auch ganz allein am Krankenbette meiner Kinder, und ganz allein, als nach drei ſchrecklichen Tagen die lieben Augen gebro⸗ chen waren. Ich empörte mich gegen Gott den Herrn und ſchrie zu ihm, mir auch das Leben zu nehmen, nachdem er mir alles genommen hatte, wo⸗ für ich arbeitete und worüber ich mich freute— alles, alles, woran mein Herz hing! Und dann lief ich wie ſinnlos umher, von dem Schemel in der Kaminecke, wo der große Robert zu ſitzen pflegte, zu dem Bette, auf dem meine Kinder ſo ſtill und ſtarr neben einander lagen.
„Plötzlich klopfte es an die Thuͤr und ein Mann trat herein. Es war der Gärtner vom Schloſſe, der mir erzählt, wie auch dort die Krankheit gewuthet hatte. Ich wußte ſchon, daß einige von der Dienerſchaft geſtorben waren, jetzt erfuhr ich auch, daß die Gräfin vor mehreren Stunden ver⸗ ſchieden war; nun hatte ſich auch die Amme der kleinen Alix gelegt, und der Herr Graf ſchickte auf den Rath des Herrn Pfarrers zu mir und ließ mich fragen, ob ich mich ſeines Kindes annehmen wollte.


