Jahrgang 
2 (1858)
Einzelbild herunterladen

pe che

4

Von Claire von Glümer. 7

um ſo mehr mußte man überzeugt ſein, daß man einer ebenſo liebenswuür⸗ digen als bedeutenden Frau gegenüberſtände. Aber auch einer unglücklichen? Es war ſchwer daran zu glauben. Sie ſtand ſo ruhig und feſt, ſo in ſich abgeſchloſſen da, als wäre ſie nie durch einen Schmerz gebeugt, nie durch eine Leidenſchaft erſchüttert worden. Und doch lag auf der Säule, an die ſie ſich lehnte, ein Blatt mit Verſen und der Ueberſchrift:an Alix. Das war der Name, den die alte Cathon ſo verzweiflungsvoll ausgeſprochen hatte wahrſcheinlich der des letzten Fräulein von Roc⸗estroit.

Das Zufallen der Thür entriß mich meinen Betrachtungen. Cathon war reich beladen zuruͤckgekommen. Sie warf ein Buͤndel Reiſig ins Kamin, zuͤndete Feuer an, ſchob einen Lehnſtuhl davor und ſtellte eine Flaſche, ein Glas und einen Teller mit gedörrten Fiſchen und Haferbrod auf den Tiſch. So, nun ſetzt Euch hierher, daß Ihr trocken und warm werdet, ſagte ſte.Und dann nehmt vorlieb mit dem wenigen, was ich Euch geben kann. Die Flaſche braucht Ihr übrigens nicht ſo zweifelhaft anzuſehen, ſetzte ſie mit einem Anflug von Stolz hinzu, indem ſie das Glas vollſchenkte;das iſt noch Wein aus dem Keller des Herrn Grafen. Mit dieſen Worten ſchob ſie mir das Tiſchchen näher, kauerte ſich dann am Boden nieder, faltete die Hände über den heraufgezogenen Knieen, legte das Kinn darauf und ſtarrte ins Feuer. Sie ſah wieder ſo traurig aus, daß ich nicht wußte, ob und wie ich ſie anreden ſollte, und ſo ſaßen wir uns eine Weile ſchweigend gegenüber.

Es iſt lange her, ſeit das letzte Feuer hier gebrannt hat, fing ſte endlich an;ich könnte die Jahre nicht mehr zuſammenzählen! Und doch iſt's mir zuweilen, als wäre das Unglück erſt geſtern geſchehen, oder als wär' es nur ein böſer Traum geweſen, und die Thür müßte plötzlich auf⸗ gehen, um mein liebes Kind, ich wollte ſagen, mein Fräulein, wieder herein zu laſſen.Meint Ihr das Fräulein, von dem die Fiſcherfrauen ſo geheimnißvoll ſprechen?So, haben ſie Euch auch davon erzählt? rief die Alte.Und Ihr ſeid doch fremd, ſo viel ich weiß, ſo daß es Euch gar nichts angeht. Den müßigen Zungen iſt freilich alles recht, fuhr ſie mit bitterem Lächeln fort;die verſchonen weder Freund noch Feind und das Ungluck ſo wenig wie das Glück!Aber gute Frau, es hat niemand Böſes von dem Fräulein geſagt, ſuchte ich ſie zu begütigen.

Böſes? fiel ſte mir ins Wort;das werden ſie freilich nicht geſagt haben, denn es iſt keiner in Roc⸗estroit, dem das Kind jemals etwas zu