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6 Das Fräulein von Roc⸗estroit.
war von Staub und Rauch geſchwärzt, von Feuchtigkeit angefreſſen, nur die Verzierungen des weißen Marmorkamins, die in gleichem Stil gehalten waren, ſchimmerten im urſprünglichen Glanze.
Die uübrige Ausſtattung des Zimmers ſtammte aus verſchiedenen Zeiten und bot die größten Contraſte dar. Seſſel und Marmortiſch gehörten mit ihren ſteifen Formen in die Kaiſerzeit, während das große Bett der Thüͤr gegenüber durch ſeinen Baldachin, ſeine Federbüſche, Vergoldungen und Brokatvorhänge an die Moden Ludwig XIV. erinnerte. Noch älter war der Betſchemel— wie ſeine Schnitzerei bezeugte— aber das Gebetbuch auf ſeinem Pulte trug auf rothem Sammtdeckel die Jahreszahl 1829. Unter einem Fenſter ſtand eine alte Lade, die künſtlich mit Elfenbein, Gold und Silber ausgelegt war; an dem andern ein plumper Stickrahmen von rohem Lindenholze. Deſto zierlicher mochte die von Motten und Staub zerfreſſene Stickerei geweſen ſein, die noch darin eingeſpannt war— vielleicht die letzte Arbeit des Fräuleins von Roc-estroit! Das Tabouret vor dem Rahmen war zurückgeſchoben, als ob kürzlich jemand davon aufgeſtanden wäre, da⸗ neben ſtand ein Körbchen mit Stickmuſtern und Wolle, eine verroſtete Scheere lag am Boden— die Spuren des verſchwundenen Lebens waren hier, wie es ſchien, mit ängſtlicher Sorgfalt feſtgehalten. Selbſt die zuſam⸗ mengedruͤckten Kiſſen des Bettes waren nicht wieder aufgeſchüͤttelt und doch mußte es lange, lange her ſein, daß ſie nicht benutzt wurden, denn eine Schicht von Staub und Moder lag auf der ſeidenen Decke und ſchwärzliche Spinneweben hingen zwiſchen den Schnüren der Gardinen.
Aber was mein Intereſſe am meiſten erregte und wozu ich nach dem Ueberblick des Zimmers zurüͤckkehrte, war das Gemälde, das die Wand⸗ fläche dem Kamin gegenüber einnahm. Es ſtellte eine hohe Frauengeſtalt in Lebensgröße dar. Ein dunkles Atlaskleid, deſſen Schnitt dem zweiten Jahrzehnt unſres Jahrhunderts angehörte, ließ das herrliche Ebenmaß der Glieder erkennen. Hand und Fuß waren klein und ſchön geformt; die Haltung, beſonders die des Kopfes, vielleicht etwas zu ſtolz, aber dem ganzen Geſichtsausdruck angemeſſen, der trotz des blonden Haares und der blauen Augen— den Kennzeichen celtiſcher Abkunft— von Kraft und Kühnheit, Klarheit und Selbſtgefühl Zeugniß gab. Dennoch machte das Ganze nicht den Eindruck des Männlichen oder Harten. Die Formen waren anmuthig, die Züge fein, Geiſt und Adel verklärten Augen und Stirn, ein
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friſches Lächeln umſpielte die Lippen. Je länger man das Bild betrachtete,
um ſo digen Gsw abgeſ eine! ſie ſte war


