474 Aus der Vergangenheit.
läßt, beſteht darin eine Errungenſchaft der Neuzeit, welche wir nicht zu beklagen, noch weniger den übertriebenen Anſichten derer zu opfern haben, die, mittelalterlichen Geiſtes, den Luxus nur als Privileg der bevorrechteten Stände angeſehn.
In der Zeit des ſpätern Mittelalters, von dem frühern ganz zu ſchwei⸗ gen, finden wir bei allem Aufwande, der bei vielen Gelegenheiten eine wirklich großartige, manchmal aber auch nur groteske Pracht entfaltete, doch noch eine große Unbeholfenheit und eine oft ſtaunenswerthe Beengniß des allgemeinen gewöhnlichen Lebens. Mag man dieſes Einfachheit, ſich ſelbſt beſchränkendes Maß oder ſonſt wie nennen, dieſe Erſcheinung hängt mit der ganzen unentwickelten Art jener Zeit naturlich zuſammen. Der Comfort nach unſern jetzigen Begriffen hatte ſich damals noch wenig entfaltet. Wuͤrde man gewiſſenhaft nach den hiſtoriſchen Zuſtänden eine jener Behauſungen herrichten, ſie mit den Geräthen jener Zeit den damaligen Bedurfniſſen treu entſprechend ausſtatten und einen der Lobredner hineinſetzen, die vom ſchwellenden Sopha ihres modern behaglichen Zimmers herab mit vollen Backen die Vergangenheit auf Koſten der Gegenwart preiſen— fürwahr, falls nicht Scham, ſeine Enttäuſchung einzugeſtehen, ihn daran verhinderte, würde er ohne Zweifel bald die Romantik ſeiner Gewohnheit opfern. Erſt ſpätere Jahrhunderte haben den Luxus zu einer großartigen, wenn auch in ſeiner Anwendung nicht löblichen Fülle entwickelt, und ſelbſt da verbreitete ſich nur über die Spitzen der Geſellſchaft ein Glanz, der die untern Stufen des Volkes in noch traurigerer Duͤſterheit liegen ließ. Die Folgen für Land und Leute, die ſich aus dieſen Zuſtänden mit naturgemäßer Nothwendigkeit er⸗ gaben, ſind hinlänglich bekannt, und wenn ſich jene Lobredner dahin, in dieſe jüngere Vergangenheit wieder zurückſehnen, wo große und kleine Herren patriarchaliſch nur in ihrem Vergnügen den Coder der Regierungskunſt fanden, ſo überſehen ſie die daraus hervorgegangenen gewaltſamen Entwick⸗ lungen und die Conſequenz, die ſich von ſelbſt an die Wiederherſtellung dieſer Zuſtände knupfen würde.
Doch wir wenden uns zu dem eigentlichen Gegenſtande unſerer flüch⸗
tigen Skizze. Das ſechzehnte Jahrhundert, das viele Keime des politiſchen, kirchlichen und ſocialen Lebens zu voller Entwicklung zeitigte, das den Künſten einen gewaltigen Schwung verlieh, leiſtete auch in der Goldſchmiede⸗ kunſt Bedeutendes. Wie Venedig und Florenz in Italien, ſo hatten Augs⸗ burg und Nürnberg in Deutſchland hierin die geachtetſten Werkſtätten. Der


