Jahrgang 
1 (1858)
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Aus der Vergangenheit. Von

Johannes Müller.

1. Schmuck und Schmuckkäſtchen im ſechzehnten Jahrhundert

Man ſchreibt der Vorzeit durchweg eine große Einfachheit zu. In mancher Beziehung iſt dieſe Einfachheit aber ein eben ſo großer Irrthum, wie ſo viele andere, die theils von geſchichtlicher Unkunde, theils durch abſichtliche tendenziöſe Entſtellung der Vergangenheit in Umlauf geſetzt ſind. Man hat ſich auch lange darin gefallen, von dem finſtern Mittelalter zu reden, bis man endlich dahin gelangte, in dieſer Finſterniß gerade die para⸗ dieſiſche Unſchuld zu finden, wohin die allzu üppige Gegenwart durch alle Mittel wieder zurückzuführen ſei. Mit dem Maßſtabe des Mittelalters, d. h. des erträumten, maß man nun alle Zuſtände der Gegenwart, die politiſchen wie die ſocialen, und beſtimmte hiernach deren größere oder mindere Natur⸗ wüchſigkeit. Wie manche ſehen darum in dem immer mehr zunehmenden Lurus unſerer Tage, ja in dem allgemeinen Fortſchritte überhaupt, der ſich in allen Zweigen des Erwerbes wie Genuſſes mächtiger entfaltet, nur ein raſendes Zuſtürzen zum letzten Ende. Wir für unſere Perſon theilen weder die Anſicht derer, die nur aus der Rehabilitation des Mittelalters das ein⸗ zige Heil erwarten, noch die allzu große Geringachtung vieler, welche die mittelalterliche Kultur im Vergleich mit der Gegenwart nach dem Prinzipe des beſtändigen Fortſchrittes ohne Weiteres und ohne Ausnahme glauben verdammen zu müſſen. Jedenfalls iſt das ein bedeutender Vorzug der ſocia⸗ len Gegenwart, daß ſie auch jene Schichten der Geſellſchaft an die Ober⸗ fläche des Lebens gelangen läßt, die früher als Piedeſtal anderer mehr das Druͤckende als das Angenehme ihrer Eriſtenz fühlten. Inſofern daher der Lurus ſeine Annehmlichkeit auch tiefer und tiefer in die Geſellſchaft gelangen