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und ſich der Menſchen freuen, die ihm hier lebensvoll entgegen treten. Wir möchten von jedem einzelnen ſagen, was man von einem guten Porträt rühmt: man weiß, auch ohne daß man das Original kennt, daß dieſer Menſch da lebt und ſo iſt, wie wir ihn vor uns ſehn.
Vom Jahrgang 1857 des bei Kober in Prag erſcheinenden Albums, liegen uns noch die Bändchen 20— 22 vor. Es iſt darin die hiſtoriſche Erzählung: Johannes Kepler, von Julie Bu⸗ row, und die Verfaſſerin hat verſucht, uns das Leben des großen Aſtronomen von ſeiner Geburt bis zu ſeiner feſten Anſtellung am Hofe Kaiſer Rudolphs II. zu ſchildern. Das Buch verräth überall die gewiſſenhafteſten und fleißigſten Vor⸗ ſtudien; es ſchildert uns nicht nur den großen Gelehrten, den bedeutenden Mann, den liebenswürdigen Menſchen Kepler, ſondern gibt uns daneben auch mehr als eine ſehr brave und feſte Zeichnung der⸗ jenigen, welche dem Helden näher treten, und entrollt uns in größern und klei⸗ nern Zügen ein Bild jener wilden und ſchrecklichen Zeit, wie wir es hier kaum anſchaulicher und anziehender erwarten und wünſchen können. Allein einen Feh⸗ ler haben wir auch an dieſer Erzählung zu tadeln, wie an den meiſten dieſer Gattung— ſie bringt Scenen und Sce⸗ nen, aber kein, oder doch nur ein ſehr lockeres Ganzes. Und wie erklärlich er auch ſein mag, der Fehler wird darum nicht geringer und nicht weniger tadelns⸗ werth. Man ſollte gleich bei der Anlage eines Buchs bedenken, daß man unmög⸗ lich mehr als Stückwerk liefern kann, wenn man ſich zum Vorwurf eines Buchs von immer doch mäßigem Um⸗ fang nicht einen Lebensabſchnitt des Helden, ſondern ſein ganzes Leben wählt.— Intereſſant und empfehlens⸗ werth iſt das Buch, wie geſagt, dennoch; es iſt warm geſchrieben und erwärmt daher auch. Aber eine hiſtoriſche Erzäh⸗ lung iſt es ſtreng genommen, trotz aller Nebenzüge und Scenen, nicht, ſondern vielmehr eine romantiſche Biographie.
Im Jahrgang 1858 des Albums bringt uns der erſte Band eine ameri⸗
kaniſche Erzählung Gerſtäckers— der Flatbootmann, ein Stück Hinter⸗ wäldlerleben der wildeſten Art, ganz ſo ſpannend und trefflich geſchildert, wie wir es von dem Verfaſſer gewohnt ſind. Die Darſtellung lockt uns unwillkürlich weiter und weiter, bis wir das Buch beendet haben und es endlich befriedigt und beruhigt aus der Hand legen.— Im 2ten und Zten Band gibt Levin Schücking hiſtoriſche Novellen: Aus den Tagen der großen Kaiſerin. Die erſte Novelle:„die Odalisken,“ führt uns an den Hof des Kaiſers Karl VI. und ſchließt im 2ten Bande mit der Verlobung Maria Thereſias mit dem ſpätern Kaiſer Franz I.— Die zweite erzählt uns die Ereigniſſe, welche der Verlobung Marie Antoinettens mit Lud⸗ wig XVI. vorausgingen und dieſelbe herbeiführten. Levin Schücking excellirt in dieſen Darſtellungen aus der Roc⸗ coccozeit. Die beiden Bändchen bilden eine anziehende und intereſſante Lecture.
F. J. Proſchko, die Höllenmaſchi⸗ ne. 2te Auflage; 2 Bände. Prag. Ko⸗ ber. 1858. Ein hiſtoriſcher Roman, der auf dem Schloß eines alten Marquis vor der großen Revolution beginnt und die Schickſale der Familienglieder in meiſtens recht gelungenen Darſtellungen bis in den Anfang unſeres Jahrhunderts hinein ſchildert. Geſchickt iſt dazu die große Zeit als Hintergrund benützt. Der Verfaſſer ſtreift hie und da ein wenig an das Myſterien⸗Genre, hat aber mei⸗ ſtens das unerquickliche Zuviel vermie⸗ den. Tadeln müſſen wir, daß der Ver⸗ faſſer nicht überall mit ſeiner Zeitrech⸗ nung in Uebereinſtimmung bleibt. Zum Beiſpiel iſt die Tochter des Marquis, Louiſe, im Jahre 1786 fünfzehn bis ſechzehn Jahre alt und im Jahre 1800 eine blühende Jungfrau von 22 Jahren! — Am Sylveſtertage des Jahrs 1799 wird Napoleon ſchon„Sieger von Ma⸗ rengo“ genannt, obgleich die Schlacht bekanntlich erſt im Juni 1800 war. U. ſ. w.
Drei Jahre von Dreißigen. Ein Roman von Ludwig Rellſtab. Brockhaus. 1858. Von dieſem auf 5. Bände oder 10 Halbbände berechneten


