480 Skizzen aus Chili. Von Ernſt Freiherrn von Bibra.
bisweilen durch den eintönigen Ruf eines Seevogels unterbrochen. Ich ſtarrte lange hinaus in dieſe heilige Ruhe der Natur, und dann weinte ich wie ein Weib lange, lange Zeit bittere, brennende Thränen. Dann ward ich ruhiger. Es war mir freilich klar, ich hatte alles verloren, Ehre und guten Ruf, meine bürgerliche Stellung und mein Vermögen, ja ſelbſt vogel⸗ frei war ich, wie ein Raubthier des Waldes. Aber ich war jung, hing am Leben, und eine geheime Ahnung ſchien mir plötzlich zu ſagen, daß ſich mancherlei des Verlornen wohl wieder erringen ließe. So ſchöpfte ich all⸗ mälig wieder friſchen Muth und nahm mir vor alles aufzubieten, um mich zu retten. 5 3
nen weiteren Abenteuern aufhalten, ſondern in der Kürze melden, daß ich noch einige Tage, ſo lange eben mein ſpärlicher Mundvorrath reichte, in meiner Höhle blieb und dann vier Wochen lang das Land durchſtreifte, bis ich endlich wieder an der Küſte, aber weiter gegen Norden, faſt verhungert und abermals der Verzweiflung nahe, von ehrlichen Leuten, welche ein we⸗ nig ſchmuggelten, aufgenommen wurde. Zwanzigmal war ich während je⸗ ner Fluchtperiode in der augenſcheinlichſten Gefahr entdeckt und gefangen zu werden, und eben ſo oft entging ich derſelben glücklich. Die Zeit und gute Freunde verſchafften mir endlich Begnadigung und die Erlaubniß in das Vaterland zurückkehren zu dürfen.— Dies iſt,“ ſo ſchloß mein Freund, „die Geſchichte einer Verſchwörung, welcher ich eine halbe Stunde lang angehörte, und welche mich zwölf Jahre lang in die Verbannung trieb.“ Ich aber war der Meinung, daß ſo einfache und ſchmuckloſe Erzäh⸗ lungen bisweilen nicht unintereſſante Blicke in das Leben eines Volkes er⸗ lauben, und habe deshalb geglaubt, ſie unſern Leſern bieten zu dürfen.
„Aber ich will Sie,“ ſagte Don Antonio,„jetzt nicht länger mit mei⸗


