472 Neue walachiſche Märchen.
ſehr heiß wurde. Als ſie bei dieſen angekommen, war bereits der Tiſch gedeckt, um Tafel zu halten. Ehe ſie ſich nun mit ihrer ſaubern Geſell⸗ ſchaft zum Eſſen ſetzte, wollte ſie ſich mit ihrem Tuche den Schweiß vom Geſicht wiſchen, da entfiel ihr aber daſſelbe. Kaum wurde der Vampyr, welcher ihr aus dem Kupferwalde nachgeſchlichen war, dies gewahr, ſo ver⸗ wandelte er ſich in eine Katze, erhaſchte das Tuch der Prinzeſſin und lief auch damit davon.
Dieſe ſetzte ſich nun mit den Drachenſöhnen zu Tiſche, wie ſie aber den Löffel ergreifen wollte, entfiel er ihr. Jetzt ſprang die Vampyrkatze wieder herzu und trug auch den Löffel davon. Ebenſo machte es die Katze mit dem Ringe, welcher der Prinzeſſin vom Finger fiel, als ſie eben die Hand hob, um das Glas zum Trinken zu ergreifen.
Jetzt hatte der Vampyr, was er wollte, und eilte zum Kupferwald zurück, wo ſein Kreuzbruder auf ihn wartete, mit dem er dann durch den Eiſenwald zurück deſſelben Weges ging, den ſie beide gekommen waren.
Während ſie ſo wanderten, erzählte der Vampyr ſeinem Freunde alles, was er bei den Söhnen der Drachen geſehen und von der Prinzeſſin genom⸗ men hatte. Indem er ihm nun das Tuch, den Löffel und den Ring über⸗ gab, belehrte er ihn weiter, wie er jetzt an den Hof des Kaiſers gehen und dem Vater der Prinzeſſin erklären ſolle, wie es kein Wunder ſei, daß die Prinzeſſin jede Nacht zwölf Paar Stiefel zerreiße, wenn ſie alle Nacht dort⸗ hin gehe, wo er ſie diesmal getroffen habe. Zu Bekräftigung ſeiner Aus⸗ ſage aber ſolle er, ſo unterwies der Vampyr ſeinen Freund, die drei Dinge, welche er von der Prinzeſſin genommen habe, dem Kaiſer vorzeigen. Mit dieſem verließ der Vampyr ſeinen Freund, indem er Abſchied von ihm nahm und nochmals dafür dankte, daß er ihm einſt Pomana gehalten habe.
Der Bauernknecht hatte ſich indeſſen alles, was ſein Kreuzbruder ihm geſagt und gerathen hatte, wohl gemerkt und ging zum Kaiſer, dem er alles haarklein erzählte, wie er's geſehen zu haben vorgab. Dieſer war über dieſe Offenbarungen aufs höchſte erſtaunt, wollte es aber doch nicht recht glauben, und ließ deßhalb ſogleich ſeine Tochter vor ſich rufen, um ſie ſelbſt zur Rede zu ſtellen. Anfangs verſuchte ſich die Prinzeſſin zwar auszureden, als ihr aber der Kaiſer das Tuch, den Löffel und den Ring vorzeigte, da konnte ſie nicht mehr anders. Sie wurde betroffen und geſtand die Wahr⸗ heit, und nun war es kein Geheimniß mehr, wie die Kaiſerstochter jede Nacht zwölf Paar Stiefel zerriß.


