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Von Fr. Gerſtäcker. 469
In Yſtadt herrſchte noch ein, gegen anſtändige Fremde ziemlich libe⸗ rales Syſtem, nach dem man ſich beſonders bei ſolchen, die ſich nicht bleibend dort niederließen, mit einfacher Namens⸗ und Standes⸗Angabe begnügte. Es war niemand bis jetzt eingefallen, daß Dr. Wunibald eben anders heißen könne als Wunibald, und da von nirgends her Klage gegen ihn einlief, ja im Gegentheil jeder, der mit ihm in Berührung kam, ſein beſcheidenes, an⸗ ſpruchloſes und loyales Weſen rühmte, ſo hatte man ihn unter dem Namen gel⸗ ten laſſen. Jetzt aber, da man wirklich nachfragen wollte, war er verſchwunden.
Mit der Poſt hatte er jedenfalls ſchon lange die Eiſenbahn erreicht, und wohin er ſich dort gewendet, blieb ungewiß. Eine Urſache zu ſteckbrief⸗ licher Verfolgung, wie die Frau Polizeiräthin vorſchlug, lag aber nicht vor. Er hinterließ in Yſtadt nicht einen Pfennig Schulden; niemand beklagte ſich über ihn, als nur die Damen von Yſtadt, daß er ihnen eben ein ſol⸗ ches Geheimniß zurückgelaſſen, und deren einzige Hoffnung blieb jetzt noch die Frau Steuerräthin.
Daß dieſe gerade in ſolcher Zeit und zwar ſchon am nächſten Tag, mit ihrer Tochter Roſalinde eine Reiſe in ein nordiſches Bad unternahm, war daher wahrhaft boshaft, und hätte nur durch ein aufrichtiges Geſtänd⸗ niß bei ihrer Rückkehr geſühnt werden können— denn aus dem Steuerrath war indeſſen kein Wort heraus zu bekommen. Aber auch dann verharrte ſie ſtill und ſtumm, und die Frauen von Äſtadt nannten ſie„eine wahre Sphinr“. Wenn ſie das übrigens war, ſo war ſie es wider ihren Willen, denn vergebens hatte ſie ſich oft und hartnäckig genug bemüht von ihrem darin ordentlich eiſernen Mann den verhängnißvollen Namen zu erfahren. Der Steuerrath ließ ſich nicht erweichen, und ich bin feſt überzeugt, daß ihm nicht einmal Daumſchrauben das Wort über die Lippen gepreßt hätten.
Dr. Wunibald blieb deshalb auch in der Erinnerung in Yſtadt, Dr. Wunibald nach wie vor. Keine Zeitung brachte einen Bericht über einen verfolgten oder entdeckten Verbrecher, der ſich unter dieſem Namen in die Häuſer und Familien— man wollte nicht Herzen ſagen— Leichtgläu⸗ biger eingeſchlichen, und die alles mildernde Zeit trocknete endlich ſelbſt die Thränen Roſalindens, und brachte die Farbe auf ihre gramgebleichten Wangen zurück.
Und Doktor Wunibald?— Frage mich nicht, Leſer. Der Unglückliche ſitzt daheim auf dem Erbe ſeiner Väter und trägt eine Atlas⸗Laſt an ſeinem Namen.


