12 Eine ſtille Natur.
Zuverſichtliche Erwartungen ſind aber böſe Gefährten für jeden Men⸗ ſchen, der ſich auf dem Wege zu einem beſtimmten Ziele befindet. Sie richten ſein Auge nur auf das Ende, auf den Erfolg, ſie laſſen ihn die Hinderniſſe überſehen, die vor ihm liegen, ſte machen ungeduldig vor Eifer, unvor⸗ ſichtig aus Sicherheitsgefühl; und wenn Selbſtvertrauen und Muth auch gute Mittel zu allem Gelingen ſind, ſo ſind es die Schätzung der Andern und der prüfende Zweifel nicht minder.
Herbert befand ſich gegen das Ende des Jahres, wie er glaubte, auf
dem Gipfel ſeiner Hoffnungen. Er beſprach mit der Mutter und der Cou⸗ ſine die Geſchenke, welche er ſeiner Braut zu machen vorhatte, ſeine Freunde fingen an, ihn als einen Bevorzugten zu betrachten, ſelbſt der Vater räumte ein, daß die Baronin ſeinen Sohn auszeichne, und dieſer beſaß auch Vor⸗ züge genug, eine junge Dame über den ihm mangelnden Adel fortſehen zu laſſen, wenn ſie ihm ſonſt geneigt war. Aber zwiſchen dem Gefallen, wel⸗ ches eine Frau, zumal eine Frau der ſogenannten großen Welt, wie die Baronin, an der Geſellſchaft eines Mannes findet, und zwiſchen ihrer Ab⸗ ſicht, ſeine Geſellſchaft durch die Ehe zu einer dauernden zu machen, liegt ein weiter Abſtand, und dieſen hatte Herbert nicht genug berechnet.
Was zwiſchen ihm und dem Gegenſtande ſeiner Wünſche vorgefallen war, ob er einen Antrag gewagt und abgewieſen worden, ob die weltge⸗ wandte Frau ihm durch eine vorbeugende Andeutung den Anſpruch an ſie unmöglich gemacht hatte, das erfuhr niemand von ihm. Nur ſo viel ſtand feſt, daß er heiterer als jemals die Baronin auf einem Balle in ſeinem Vaterhauſe empfangen, daß ſie denſelben gegen ihre Gewohnheit früh unter dem Vorgeben eines Unwohlſeins verlaſſen hatte, daß Herbert am nächſten Tage nicht zu ihr gegangen war, ſich nach ihrem Befinden zu erkundigen, und daß er, da es noch in der Zeit der Weihnachtsferien war, mit ſeinem Freunde Bergfeld auf das Gut zur Jagd hinaus ging.
Niemand im Hauſe erwähnte dieſes Vorfalls, als Herbert nach einigen Tagen in die Stadt zurückkehrte. Die Wunden gekränkter Eitelkeit heilen am leichteſten, wenn man den Getroffenen glauben läßt, daß man ſie nicht ſteht, und der Finanzrath mochte weder das Bedauern ſeiner Gattin noch die Mißempfindung ſeines Sohnes ſteigern. Dieſer ſetzte ſeine gewohnte Lebensweiſe unverändert fort. Er ſah die Baronin in der Geſellſchaft wieder, ſie begegnete ihm freundlich, indeß niemand konnte ſich über das zwiſchen ihnen Vorgegangene täuſchen, und Herbert trug es viel ſchwerer als er es zu zeigen für angemeſſen fand. Es war die erſte große Hoffnung, die ſich


