Jahrgang 
4 (1857)
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Von Fanny Lewald. 11

achtundzwanzig Jahren ſich oft als einen Mann zu bezeichnen liebte, der alle Erfahrungen hinter ſich habe, behandelte er Emilie, die nicht ſechs Jahre weniger zählte, mit der herablaſſenden Schonung, welche man einem Kinde angedeihen läßt.

Sie aber empfand und begriff ſein Verhalten beſſer als er ſelbſt, denn in ſich gekehrte Naturen gewinnen einen klaren Blick. Sie kannte ſeine Schwächen, aber ſie glaubte an ſeine vorwiegend guten Eigenſchaften, weil er freundlich mit ihr war und ſich ihrer gegen die Mutter annahm. Wäh⸗ rend er ſich als einen fertigen Mann betrachtete, gab ſie ſich der Hoffnung hin, daß ſeine Oberflächlichkeit, ſeine Genußſucht nicht dauern, daß ſein Streben eine ernſtere Richtung nehmen, daß er ſelbſt ein Anderer, daß er ein Mann werden würde, wie ſie ihn in einzelnen Augenblicken in ihm zu ſehen geneigt war; und über alle dieſe Verſchiedenheit hinweg führte das tägliche Leben ſie zu der Gewohnheit des Beiſammenſeins und eines freund⸗ lich ausgleichenden Vertrauens.

Emilie war daher auch eine der Erſten, welche es bemerkte, daß ihres Vetters Verehrung für die Baronin ſich in eine förmliche und dringende Bewerbung um ihre Hand verwandelte; ſie war Zeuge davon, wie der Finanzrath ihm freilich nur andeutend das Bedenkliche dieſes Unternehmens vorhielt. Die Baronin gehörte durch ihren Vater wie durch ihren verſtor⸗ benen Gemahl den älteſten Adelshäuſern Deutſchlands an. Sie beſaß da⸗ neben ein Vermögen, den Namen, welchen ſie trug, mit Glanz in der Geſellſchaft zu behaupten, ſie war jung und ſchön, und ſo gut der Finanz⸗ rath immerhin von den Eigenſchaften ſeines Sohnes dachte, fürchtete er doch, daß die junge Wittwe nicht geneigt ſein werde, ihm ihre Freiheit aufzu⸗ opfern. Die Mutter und Herbert ſelbſt theilten jedoch offenbar dieſe Be⸗ ſorgniß in keiner Weiſe. Jene hielt es für undenkbar, daß ihr Sohn nicht Liebe erwecken ſolle, wo er zu gefallen ſtrebte, und dieſer war, von ſeinen Verhältniſſen begünſtigt, ſo ſelten auf Hinderniſſe gegen ſeine Abſichten ge⸗ ſtoßen, daß er eine blinde Zuverſicht zu der Erfüllung aller ſeiner Wünſche gewonnen hatte. Mit ruhiger Sicherheit ſetzte er der Couſine bisweilen auseinander, wie es ſeinem Vater und dem Vater der Baronin ein Leichtes ſein werde, vom Könige für ihn den Adel zu erwirken, wie der Landbeſitz der Familie zum Majorat erhoben werden würde, und nur darüber war er zweifelhaft, ob er ſich zum Landleben an der Seite ſeiner jungen Frau ent⸗ ſchließen, oder an ihrer Hand ſeinen Eintritt in die große diplomatiſche Laufbahn verſuchen ſolle.