Eine ſtille Natur.
Zweites Kapitel.
Die Baronin machte ein Haus und Herbert wurde bald ein gern ge⸗ ſehener Gaſt deſſelben, denn junge Männer, wie er, ſind für die Geſellſchaft ganz unſchätzbar. Er ſpielte in ihrem Liebhabertheater eine Rolle, er wirkte in ihren muſikaliſchen Matinéen mit, aber grade zu dieſen muſtkaliſchen Leiſtungen hatte er den Beiſtand der Couſtne nöthig. Er hatte Gefühl genug, ſich in den Sinn einer Tondichtung hineinzudenken, aber ihm fehlte jene wirkliche Begabung für Muſtk, welche Emilien angeboren war, und da er ſich berechtigt glaubte, ihre Fähigkeiten, ſo weit ſie ihm nützlich ſein konnten, für ſich in Anſpruch zu nehmen, machte er ſie zu ſeiner Lehrerin. Er fand es auch bald weit bequemer, ſeine Uebungen unter der Leitung des geduldigen Mädchens, als mit einem Muſtker zu machen, er hatte den Vor⸗ theil, daß Emiliens Gutmüthigkeit niemand die Mühe verrieth, welche ſeine Erfolge im Geſang ihn koſteten, und jene liebte die Muſik ſo ſehr, daß es ihr eine Luſt war, ſelbſt lehrend ſich damit zu beſchäftigen.
Solche gemeinſame Uebungen führen die Menſchen aber unwillkürlich näher zuſammen, und auch die beiden jungen Verwandten ſprachen ſich dabei oft und länger allein, und fingen an ſich mehr mit einander zu be⸗ ſchäftigen, obſchon kein rechtes Verſtändniß zwiſchen ihnen gedeihen konnte. Herberts haſtiges Streben nach ſchnellen Erfolgen und Emiliens ausdauernde Geduld, ſeine Richtung auf das Urtheil der Andern, und ihr Bedürfniß, ſich und ihrem Gewiſſen genug zu thun, ſein Verlangen nach Genuß und ihr Sinn für Pflichterfüllung waren ebenſo weit von einander verſchieden, als ihre beiderſeitigen Lebenserfahrungen und Hoffnungen. Emilie, die ihre Kindheit unter den Augen einer ernſten Frau von den ſtrengſten Sitten⸗ begriffen verlebt, machte dieſer Erziehung getreu, ernſte Anforderungen an ſich und an die Menſchen. Ihr Ehrgefühl, ihre Sittlichkeit waren makellos, ihre Begriffe von der Liebe, der Treue, der Ehre feſt und rein. Herbert hingegen ſetzte ſeinen Ruhm darin, über alle dieſe Punkte leicht und frei zu denken. Sein Umgang mit Frauen aller Art, ſein Verkehr mit Män⸗ nern, denen Genuß der einzige Zweck des Daſeins dünkte, hatten ſeine Grundſätze frühe gelockert, und er ſuchte einen Ruhm darin, leichtfertiger zu ſcheinen als die Weichheit ſeines Herzens ihm zu ſein geſtattete. Emilie war ihm daher durch ihre Art und Weiſe eine rührende Erſcheinung. Er kam ſich ihr gegenüber wie ein Enttäuſchter vor, er hatte Mitleid mit ihrem Vertrauen zu ſich ſelbſt und zu den Menſchen, und obſchon er mit ſeinen
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