Von Fanny Lewald. 9
durfte, ihn aufmerkſam darauf zu machen, wie ſorglich und mit welcher Anmuth Emilie alle ihre Obliegenheiten erfüllte.
Er hatte mehrere Monate nach ſeiner gänzlichen Ueberſiedelung nach Berlin ſein Eramen als Aſſeſſor beſtanden und ließ ſich, da er dies Ziel erreicht und das große Vermögen ſeines Vaters vor ſich hatte, in der Rolle eines jungen Lebemannes behaglich gehen. Er nahm zwar Theil an den Sitzungen und Geſchäften des Juſtiz⸗Collegiums, dem er zugewieſen wor⸗ den, aber er gehörte nicht zu denen, welche man mit Arbeit überbürdet. Man ſah ihn ſtillſchweigend als einen Volontair an, man gab ihm nur Auf⸗ gaben, welche Zeit hatten, und er ſelbſt dachte daran, die juriſtiſche Lauf⸗ bahn vielleicht noch mit der diplomatiſchen zu vertauſchen, weil die ſtrenge Regelmäßigkeit der juriſtiſchen Carriere ſeinem Ehrgeize zu wenig Ausſichten eröffnete. Daß aber ein reicher junger Mann, der es auf eine große Lauf⸗ bahn abgeſehen hatte, ſich in der Geſellſchaft für die Geſellſchaft und für die Welt ausbilden müſſe, das fanden die Eltern und fand jedermann voll⸗ ſtändig in der Ordnung. Herbert hatte ohnehin immer für liebenswürdig gegolten, und er beſaß auch alle die geſelligen Eigenſchaften, welche dieſem Rufe entſprechen. Er war ein hübſcher Mann von guten Manieren, von bequemer Nachgiebigkeit, er ſprach mehrere lebende Sprachen, hatte eine unfehlbare Gabe, über alles angenehm zu plaudern, er tanzte vortrefflich, er ſpielte Klavier, hatte eine gute Stimme, und man hatte ihm alſo auch um ſeiner ſelbſt willen von Jugend an in der Geſellſchaft den Ruf eines ſehr anziehenden jungen Mannes zuerkannt. Dieſer Ruf war mit den Jahren nur gewachſen und hatte die Richtung genommen, welche ihm grade die ſchmeichelhafteſte däuchte. Es waren nicht ſeine männlichen Altersgenoſſen und die jungen Mädchen, welche ihn rühmten, ſondern die älteren Lebe⸗ männer und die eleganten Frauen, mit einem Worte die gemachten Leute der ſogenannten ſchönen Welt; und wie ſeine Eitelkeit und ſein Ehrgeiz ihn angetrieben hatten, ſich Kenntniſſe zu erwerben und die Staatsprüfungen vollſtändig durchzumachen, ſo war jetzt ſein ganzes Beſtreben darauf gerich⸗ tet, zu gefallen und ſich Anſehen in der Geſellſchaft zu erwerben. Es konnte ihm nichts Angenehmeres begegnen, als für einen Lebemann gehalten oder als der Verehrer irgend einer hervorragenden Frau genannt zu werden, und als im Herbſte die ſchöne Nichte des d.ſchen Geſandten, eine junge reizende Wittwe, ihren Wohnſitz in Berlin aufſchlug, wandte Herbert ſich augen⸗ blicklich dieſem neuen Sterne zu.


