Jahrgang 
4 (1857)
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8 Eine ſtille Natur.

zwar kein beſonderes Aeußere, aber weiter nichts Anziehendes habe, daß ſie jedoch ein gutes Mädchen, eine ſtille Natur ſei, welche bei ſich zu behalten die Mutter, trotz ihrer Ausſtellungen ſehr wohl thue. Dies Verhältniß zwiſchen den beiden jungen Verwandten blieb ſich durch mehrere Jahre gleich; erſt als Herbert dauernd in der Heimat lebte, um ſich für ſeine nächſte juriſtiſche Prüfung vorzubereiten, machte er nähere Bekanntſchaft mit ſeiner jungen Verwandten.

Emilie hatte ſich aber ſeit den ſieben Jahren, die ſte in Berlin zuge⸗ bracht, ſehr vortheilhaft verändert. Sie war zwar immer noch ſehr zart, indeß ſie ſah nicht mehr kränklich aus, wie in ihrer erſten Jugend, und die Feinheit ihrer Züge und ihrer Geſtalt ließ ſie viel jünger erſcheinen als ſte war. Ohne an Beſcheidenheit verloren zu haben, hatte ſie den natürlichen Wunſch gewonnen zu gefallen, und die Vorzüge, welche ſte beſaß, geltend zu machen. Früher hatte es ſie geängſtigt, wenn man ſte hervorzog; jetzt betrübte es ſte, wenn man ſie überſah, und ſie hatte dies kaum noch zu er⸗ fahren. Trotzdem war ihre Stellung in der Familie eine ſchwierige. Je mehr der Finanzrath ſich an Emilie gewöhnt hatte, um ſo größer und häu⸗ figer waren die Mißſtimmungen der Tante gegen ſie geworden, und wenn dieſe ſich auch ſagen mußte, daß ſie ihrem Gatten thörichter Weiſe die väter⸗ liche Freude an dem Mädchen trübe, wenn ſie ſich auch bisweilen eingeſtand, daß Emilie ihr eigentlich keinen Anhalt für ihr Uebelwollen biete, ſo währte ſolche Einſicht doch immer nur für kurze Zeit. Gegen die verblendete Wir⸗ kung der Eiferſucht haben die einzelnen Anwandlungen ruhiger und gerechter Ueberlegung keine Macht, und als vollends auch Herbert anfing, die häus⸗ lichen Verdienſte und die gute Weiſe Emiliens zu bemerken, verwandelte ſich die bisherige unbeſtimmte Abneigung ſeiner Mutter gegen das Mädchen in einen ganz bewußten Widerwillen.

Von dem Augenblicke ab hatte Emilie wenig gute Tage bei der Tante. War ſie unbefangen, ſprach ſte einmal frei ihre Meinung aus, ſo fand Frau Hallmann, daß ſie ſich hervordränge. Hielt ſie ſich ſchweigend und vorſichtig zurück, ſo erregte ſie in der empfindlichen Frau den Verdacht, das Mitleid der Männer erwecken und ſich dadurch unmerklich eine Herrſchaft über die⸗ ſelben aneignen zu wollen, während es in der That die Ungerechtigkeit der Finanzräthin war, welche dem Mädchen immer wieder die Theilnahme und den Schutz der Männer zuwendete. Herbert wenigſtens war im Ganzen ſtets ſo ſehr mit ſich ſelbſt beſchäftigt, daß es dieſer beſonderen Anläſſe be⸗

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