Jahrgang 
4 (1857)
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Von Fanny Lewald.

glauben, und ſie vergeſſen dabei nur, von wie vielen Dingen ſie ſich ſelbſt beherrſchen, durch welche Nichtigkeiten ſte ſich abziehen laſſen von der Theil⸗ nahme an den Intereſſen und an dem täglichen Leben ihrer Männer.

Es kamen freilich auch Zeiten, in welchen Frau Hallmann ſich ihre Abneigung gegen Emilie als ein Unrecht vorwarf. Sie ſagte ſich dann zum Troſte und zur Entſchuldigung, daß man für ein kleinliches Haushalten in Armuth und Niedrigkeit geboren und erzogen ſein müſſe, aber ſte freute ſich zugleich, daß ſie nicht dafür geſchaffen und daß in ihrem Sohne keine Ader davon vorhanden ſei. Herberts jugendliche Verſchwendung entzückte ſte im Vergleiche gegen Emiliens ſorgſames Haushalten, und wenn ſie dieſer um ihrer geringen Herkunft willen ihre Sparſamkeit verzieh, ſo hatte ſie doch zugleich damit die Scheidewand zwiſchen ihrer Familie und der Nichte gefunden und aufgerichtet. Sie war bereit, Emilie als eine treue Dienerin zu ſchützen, als ihre Verwandte, oder gar als ihre Pflegetochter mochte ſte ſie nicht betrachten.

Solche Anſicht gegen ihren Gatten auszuſprechen, wagte ſie natürlich nicht. Es hätte geheißen, ihn jetzt, nach faſt dreißigjähriger Ehe kränkend an den Unterſchied ihres beiderſeitigen Herkommens zu erinnern, aber einen Vertrauten mußte ſie haben, und dieſer Eine war ihr Sohn.

Herbert hatte nach ſeinen beendigten Studien eine Zeit hindurch im Vaterhauſe verweilt, er kam auch als Auskultator und Referendar ein paarmal im Jahre zum Beſuch in daſſelbe zurück; aber weder die Schilde⸗ rungen, welche die Mutter ihm von Emilien machte, noch dieſe ſelbſt waren von der Art, die Theilnahme eines jungen Menſchen zu erregen, deſſen gan⸗ zes Beſtreben darauf gerichtet war, in der Geſellſchaft zu glänzen und für einen eleganten Mann zu gelten. Emiliens Anweſenheit war daher ohne alle Bedeutung für ihn. Die Finanzräthin hatte ſie ihm bei der erſten Begeg⸗ nung als ſeine Couſine vorgeſtellt, er hatte ihr geſagt, daß er ſchon viel Gutes von ihr gehört habe, daß er ſich freue, ſte kennen zu lernen, und da⸗ mit hatte ihr ganzer Verkehr in jenem Zeitpunkte ſein Ende erreicht. Später nahm Herbert die Aufmerkſamkeit, welche die Couſine ihm wie allen Andern bewies, nur als etwas ihm Gebührendes hin. Er dankte ſie ihr nicht mehr, nicht weniger als die gewöhnliche Höflichkeit es forderte. Er war der Sohn des Hauſes, der Sohn ihrer Wohlthäter, es war alſo ihre Pflicht und es mußte ihr ſogar angenehm ſein, für ihn zu ſorgen und ſeine Zufriedenheit zu erlangen. Sie ihrerſeits ſchien das Verhalten ihres Vetters ganz in der Ordnung zu finden, und Herbert gelangte über ſie zu dem Schluſſe, daß ſie