4 Eine ſtille Natur.
Anſtoß daran zu nehmen, wenn ein ſorgenfreier Jüngling ſeine Freude an Pferden und an Hunden, an Luſtpartien, Tanz und Trinkgelagen hatte.
Während Herbert ſein zweites Studienjahr beendete, war eine Tante des Finanzrathes geſtorben, ſite hatte ihre Enkelin bei ſich gehabt. Das junge ſechzehnjährige Mädchen ſtand nach dem Tode ſeiner Großmutter ganz allein in der Welt, und da man ſchon ſeit längerer Zeit daran gedacht hatte, irgend ein junges Mädchen als Geſellſchafterin für Frau Hallmann in das Haus zu nehmen, ſo machte der Finanzrath den Vorſchlag, zu verſuchen, ob die junge Waiſe ſich für den Poſten eignen möchte. Man wußte, daß ſie ſanft und fleißig ſei, ſie hatte einigen Unterricht genoſſen, ſollte gut vor⸗ leſen, und der Finanzrath hoffte ihr in ſeinem Hauſe Gelegenheit zur Aus⸗ bildung zu geben, damit ſie, eltern⸗ und mittellos, wie ſie war, ſich, wenn es einmal ſein müßte, ihr Brod ſelbſt in der Stadt verdienen könne.
Frau Hallmann zeigte ſich mit dem Plane einverſtanden. Man ließ Emilie kommen, und ſte gefiel ihrer Beſchützerin Anfangs auch recht wohl. Sie war nicht hübſch genug, die Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen, und doch, wenn man ſie einmal ruhig betrachtete, von gefälligem Aeußern, nur daß ſie bleich und ſchwächlich ausſah, wie eine ohne rechtes Licht erblühte Blume. Sie hatte keine beſonderen Kenntniſſe, weder wiſſenſchaftliche, noch häusliche, aber ſte war von ihrer Großmutter zur Ordnung und Pünktlich⸗ keit gewöhnt, und da ſie ſich achtſam und lernbegierig zeigte, konnte man hoffen, in ihr eine Stütze für Frau Hallmann zu gewinnen.
Dieſe Erwartung ging auch ſchnell und vollſtändig in Erfüllung, und faſt ohne alles Zuthun der Finanzräthin. Man hatte beabſichtigt, dem jungen Mädchen, das aus einem kleinen Orte in die Reſidenz, aus dem Hauſe einer dürftigen Beamtenwittwe in den Lurus einer reichen, pracht⸗ liebenden Familie verſetzt ward, Zeit zu laſſen, damit ſie ſich an die neue Umgebung gewöhnen, die fremden Eindrücke bewältigen könne; indeß ſie mußte darauf nicht gerechnet haben, oder von dem Wechſel der Verhältniſſe nicht ſo tief berührt werden. Denn kaum hatte ſie ſich in der ihr angewie⸗ ſenen Stube eingerichtet, als ſie die Finanzräthin mit der Frage antrat, was ſie im Hauſe zu leiſten und zunächſt zu thun habe?
4„ N Frau Hallmann war von dieſer trockenen Weiſe überraſcht, aber ſie
war klug genug, ſie gelten zu laſſen. Der Finanzrath hatte nicht den Plan gehabt, ſeine junge Verwandte als eigentliche Dienerin in das Haus zu ziehen. Sah ſie ſich aber als eine ſolche an, hatte ſie Beruf zum Dienen, ſo mußte man ſie gewähren und die Stellung einnehmen laſſen, welche
——


