Von Fanny Lewald.
Der Finanzrath hatte ſeine Frau aus Liebe gewählt und war zugleich ſtolz darauf geweſen, daß ſie ihn ihren andern Bewerbern vorgezogen hatte. Er wußte, daß die Ehre, welche ein verſtändiger Mann ſeiner Frau er⸗ weist, auf ihn ſelbſt zurückfällt, und daß nichts die geringe Herkunft eines Mannes ſicherer verräth als unbillige Anforderungen, welche er an ſeine Frau ſtellt, oder eine rückſichtsloſe Behandlung derſelben. Er hatte alſo weder in ſeiner Gattin noch in deren Familie den Gedanken aufkommen laſſen wollen, daß ſie ein Opfer gebracht habe, indem ſie einen Empor⸗ kömmling geheirathet habe. Er hatte ſeine Ehre darin geſetzt, ſie liebevoll zu behandeln, und wie dem Menſchen zur Natur wird, was er beſtändig übt, ſo war es dem Finanzrath zur Natur und zum Bedürfniß geworden, vor allem auf die Zufriedenheit und auf das Glück ſeiner Frau zu ſehen und zu denken. Ihre erkenntliche Liebe lohnte ihm ſeine Rückſicht, und ein ſorgenfreies Leben in glücklicher Ehe hatte das ſtattliche Aeußere der Finanz⸗ räthin ſo vortrefflich erhalten, daß ihr Gatte in dem Alter, in welchem nach der Anſicht der Maſſe, die Liebe der Freundſchaft Platz gemacht haben muß, noch immer eine wache Zärtlichkeit und eine unabläßige Aufmerkſamkeit für ſie bewies.
Beide Ehegatten befanden ſich bei dieſem Zuſtande ganz vortrefflich, und er kam dem Sohne, ihrem einzigen Kinde, ſehr wohl zu ſtatten. Er war in der ruhigſten Atmoſphäre der Liebe aufgewachſen, er hatte ſelbſt von der Eiferſucht der Elternliebe, welche einzigen Kindern das Leben oft ſo ſchwer macht, nicht zu leiden gehabt. Beide Eltern waren zu verſtändig, den Sohn durch Ueberwachung und Gängelung zu quälen. Der Vater fand vielmehr ſeine Freude daran, ihn frühzeitig nach eigenem Belieben gehen zu laſſen, und betrachtete es mit heiterer Neugier, wie ſein Sohn ſich in ſeiner ſorgenfreien Lebensbahn bewegte, nachdem er ſelber auf ſo mühevollen Pfaden an ſein Ziel gekommen war. Die Mutter hatte den Vater zu lieb, um ihre Zärtlichkeit ausſchließlich auf den Sohn zu wenden, und Herbert hatte dadurch nur die Segnungen, nicht den beſchränkenden Zwang der Elternliebe kennen lernen.
Unverdorben und friſch bezog er die Univerſität Heidelberg, um dort die Rechte zu ſtudiren, und der Finanzrath ſah es ruhig an, daß dort An⸗ fangs von Studien wenig die Rede war, daß Herbert nur ſeinen Vergnü⸗ gungen lebend, viel Geld verthat. Er beſaß die Möglichkeit, ſeinem Sohne ſolche Uebertreibung zu geſtatten, und er war ſelbſt Lebemann genug, keinen 1*


