Jahrgang 
4 (1857)
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2 Eine ſtille Natur.

wenigſtens nicht, ſeine Rechtlichkeit in Zweifel zu ziehen. Man räumte ein, daß jenes Armeekorps, für welches er die Lieferungen gemacht, ſich dabei wohl befunden habe. Man nannte ihn einen Mann von Umſicht und Be⸗ harrlichkeit, und machte dann nur, als müſſe man ſich über ſo viel Zuge⸗ ſtändniſſe tröſten, die Schlußbemerkung, daß derjenige, der wie Hallmann bei dem Anfange ſeiner Laufbahn gar nichts beſitze, immer des Gelingens am ſicherſten ſei, weil er bei den größten Wagniſſen kein eigenes, ſondern nur fremdes Vermögen auf das Spiel zu ſetzen habe.

Hallmann hatte, bald nachdem er zu Anſehen und Vermögen gelangt war, die Tochter eines der reichſten Kaufleute geheirathet. Das hatte ſeiner Zeit Aufſehen gemacht, und man erinnerte ſich noch deutlich und gern, wie geſchickt er ſeine neue Familie dazu benutzt hatte, ſich eine Stellung in der Geſellſchaft zu verſchaffen. Da er dies alles aber nun doch einmal beſaß, da er von niemand etwas verlangte, viele dagegen durch ihn Förderung ihrer Zwecke erwarten konnten, ſo ließ man ſich die bereitwillige und glänzende Gaſtlichkeit in ſeinem Hauſe wohlgefallen und machte ihm eben weiter keinen Vorwurf, als daß er der Schöpfer ſeines Glückes ſei.

Dieſe Gerechtigkeit, welche nicht jedem Menſchen zu theil wird, ver⸗ dankte Hallmann einer beſtimmten Eigenſchaft ſeines Charakters: er war frei von aller perſönlichen Eitelkeit. Darauf aber beruht die richtige Wür⸗ digung der eigenen Kraft, beruht die Menſchenkenntniß, welche uns zugleich einen klaren Blick für die Stellung gibt, in der wir uns Anderen gegenüber befinden, und über das, was wir von ihnen zu erwarten haben. Es lag ihm nicht daran, etwas zu ſcheinen, weil er ſich mit ſeinen Verhältniſſen zufrie⸗ den fühlte, weil er mit Selbſtgefühl wußte, was er war. Er hatte daher auch nicht das Bedürfniß, in jedem Augenblicke die Zuſtimmung der Andern durch Zuvorkommenheiten zu erkaufen, welche er ihnen gefliſſentlich erwies. Er that nur, was ſie forderten, und dies nur in ſo fern, als es ihm keine großen Opfer auferlegte. Er überſchätzte alſo nicht, was er that, beklagte ſich nicht, wie Eitle dies zu thun lieben, über erfahrenen Undank, und ge⸗ wann durch dieſes Verhalten eine ruhige Selbſtgenügſamkeit, welche die Leute gewähren ließ und nahm, wie ſie eben waren. Viele nannten ihn einen kalten Verſtand, Andere ein weiches Herz, dieſe rühmten ſeine Groß⸗ muth, jene tadelten ſeine egoiſtiſche Genauigkeit; darin aber waren alle einig, daß er ein muſterhafter Ehemann, ein überaus zärtlicher Vater und ſehr wohlthätig für ſeine entfernteren Verwandten ſei. Herz und Verſtand, Neigung und Berechnung hatten ihn zu ſeinen Familientugenden geführt.