Jahrgang 
4 (1857)
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Eine ſtille Natur. Erzählung

von

Fanny Lewald.

Erſtes Kapitel.

Der Finanzrath Hallmann war ein Emporkömmling. Ohne mehr als die erſten Elementarkenntniſſe zu beſitzen, war er aus der Schreiberſtube eines Winkelkonſulenten in das Militär getreten und bei dem Regimente in der Kanzlei deſſelben verwendet worden, bis man ihn während der Feldzüge im Proviantamte arbeiten ließ. Dort hatten ſeine Thätigkeit und ſeine große Umſicht die Aufmerkſamkeit eines Lieferanten auf ſich gezogen, der ſich An⸗ fangs den jungen Hallmann als Gehülfen für gewiſſe Berechnungen und Vertheilungen erbeten hatte. Er war dabei dem Lieferanten höchſt nützlich, ja unentbehrlich geweſen, hatte auf deſſen Verwendung ſeine Entlaſſung aus dem Militärdienſt erhalten, war endlich deſſen Compagnon und in den Feld⸗ zügen von achtzehnhundert vierzehn und fünfzehn ſelbſt einer der bedeutend⸗ ſten Lieferanten des preußiſchen Heeres geworden. Aus dieſer Zeit ſtammte ſein großes Vermögen, ſtammten ſein Titel, ſeine Orden und ſeine bedeu⸗ tenden Verbindungen mit Perſonen aller höheren Verwaltungszweige, welche er auch nach dem beendeten Kriege vielfach zu ſeinem Vortheile zu be⸗ nutzen gewußt hatte.

Die öffentliche Meinung, welche in Deutſchland jedes ſchnelle Empor⸗ kommen, ja eigentlich alles ungewöhnliche Gelingen mit Neid und darum

mit Mißtrauen betrachtet, war ausnahmsweiſe nicht gegen ihn. Man ver⸗

gaß es natürlich niemals, daß er der Sohn eines armen Schuhmachers aus

einem kleinen Städtchen war, man hörte niemals auf ſich zu wundern, wie

er eine ſolche Laufbahn habe machen, ein ſolches Vermögen erwerben können,

während man ſich doch den Weg erzählte, den er gegangen war, und die

Unternehmungen kannte, denen er ſeinen Gewinn verdankte; aber man wagte Hausblätter. 1857. IV. Bd. 1