Die Wandlungen des Lebens.
nachhaltender Wirkung. Wie ein Stück warmen glänzenden Sonnenſcheines lagert die Erinnerung an das erlebte Große in ihren Gemüthern und ſtrahlt aus all ihrem Thun wieder. Man könnte dieſen Sonnenſchein wohl mit einem zur Erfüllung gekommenen Segen vergleichen, der der Armen, an zeitlichen Gütern leer ausgegangenes Gemüth heiligt und in ihm ein ſchönes Gottvertrauen für die Zukunft erweckt. Frau Balzer und Aennchen waren ſchon wochenlang von Bielewitz zurück und doch ſprachen ſie immer von der Einführungsfeier ihres Sohnes und Bruders, von den guten Leuten dort und von dem lieben freundlichen Orte, der ihnen ſo außerordentlich wohl gefallen hatte.„Jetzt hat er noch Schule,“ ſagte die Eine oder die Andere, wenn ſie bei der Weißnätherei zuſammenſaßen und des Nachmittags das
Sonnengold auf des Nachbars Hauſe gegenüber allmählig ſchmäler zu wer⸗
den anfing und ſich nach dem Dache hinaufzog.—„Jetzt noch? bewahre! 's muß ja ſchon fünf Uhr vorüber ſein, und um fünf Uhr iſt die Schule aus,“ warf die Andere ein. Da gab's denn allemal zwiſchen ihnen einen kleinen Krieg über die richtige Zeit und zuletzt, wenn ſie von einem am Gartenzaun Vorübergehenden gehört hatten, was eigentlich die Stunde ſei, waren ſie beide darüber einig, daß es ohne Uhr doch gar nicht lange mehr gehen könne, denn man bleibe da immer in einer fatalen Ungewiß⸗ heit, was es eben in Bielewitz geſchlagen habe, und für Leute, die einen ſo wichtigen Anhaltspunkt in der großen Welt hätten, wie Bielewitz für ſie ſer, wäre der Mangel einer Uhr ein bedeutender Uebelſtand. Da könne man nicht einmal mit voller Ueberzeugung zu Mittage ein:„Geſegnete Mahlzeit“ den Bielewitzern im Geiſte zurufen.
Die einzige Uhr im ganzen Hauſe war in Hermanns Beſitz überge⸗ gangen, weil ein Lehrer nothwendiger als viele andere Menſchen ſich nach der Stunde richten muß. Das alte tombackne Ding, das wie eine kleine Schachtel ausſah, einen fürchterlichen Bauſch in der Taſche machte, aber wenn ſie geputzt war, doch beinahe wie Gold ſchimmerte, und zu des Vaters Hinterlaſſenſchaft als einziges Kleinod gehört hatte, vermißten ſie jetzt, wo ſo wichtige Beziehungen ſie mit der Ferne verbanden, recht ſehr, aber wie hätte denn ein Cantor ohne Uhr bleiben können! Dieſe richtige Anſicht war entſcheidend geweſen und Hermann verdankte ihr den Beſitz des Erbſtückes. Wie geſagt, Bielewitz bot ihnen einen nie abreißenden Stoff zur Unterhaltung. Drei volle Tage waren ſie da geweſen, und was kann man nicht alles in drei Tagen erleben! Der Mutter hatte außer der gut⸗


