Von Fr. Lubojatzky. 15
müthigen Höflichkeit der Leute dort und der hübſchen Cantorwohnung, auch noch ganz beſonders der ſchattige Erlengang längs des Dorfbachs zur Neu⸗ manns⸗Mühle wohl gefallen, wo ſie Milch⸗Einbrocke genoſſen hatten. Da war es ſo ſtill und heimlich, nur die Mühle klapperte in einem fort, und ringsum lagen die ſchönſten ſaftigſten Matten— eine reizende Idylle, deren Anblick der Frau ſo lieb zu Herzen geſprochen hatte, daß, wenn ſie jetzt Milch⸗Einbrocke aßen, was als eins der billigſten Gerichte ſehr oft im Sommer auf ihren Tiſch kam, ſie allemal von der Neumanns⸗Mühle redete und von der guten fetten Milch und dem ſchönen kräftigen Schwarzbrod, das ſie dort erhalten.
Aennchen hatte ſich wieder auf ein anderes Thema geſetzt; die Pfarr⸗ wohnung habe ihr ſo ſehr gefallen, wiederholte ſte immer. Die Frau Paſtorin wäre allerdings ein abſcheuliches Weibsbild, vor dem man ſich fürchten könne, aber der Herr Paſtor ſei dagegen ein recht lieber Herr, ſanft und gut, und ſein kleiner Paul, ſein einziges Kind, ein ganz ſcharmanter Junge. Schade, daß er eine ſo böſe Mutter habe, der kleine Dreijährige hätte, in ſeiner kindlichen Unſchuld wohl fühlend, daß ſeine Mutter gar nicht die rechte Liebe für ihn äußere, ſich deshalb auch ſo ſehr an Aennchen angeſchloſſen, weshalb ihr der Abſchied von dem armen Jungen ſo ſehr leid gethan habe. Frau Balzer war einſichtsvoll genug, da dies Thema bei Aennchen ſo ziemlich ſtereotyp zu werden ſchien, auf die Vermuthung zu gerathen, daß wohl nicht allein das Wohlgefallen an dem kleinen Paul die Urſache davon ſei, ſondern der Vater deſſelben, der Paſtor, mit dem kleinen Buben verkauft werde, wie man ſprichwörtlich zu ſagen pflegt, wenn man andeuten will, daß jemand ſein wahres Gefühl maskirt. Das mußte Frau Balzer ergründen, und bei Aennchen, die von keiner Verſtellung etwas wußte, war das auch gar nichts ſo Schweres.
Als ſie eines Tages wieder von Paſtors kleinem Paul anfing, ſagte die Mutter wie hingeworfen:„der Herr Paſtor iſt allerdings recht ſehr zu bedauern, daß er mit ſeiner Frau ſo ſchlecht angekommen iſt; aber er hätte doch ein wenig vorſichtiger bei ſeiner Wahl einer Gattin ſein ſollen. Es iſt ganz wahr, wie Freudig uns erzählt hat, er hat ſich vom Gelde blenden laſſen.“—„Hätte er ſeine jetzige Frau nicht geheirathet, ſo hätte er auch nicht die gute Bielewitzer Stelle bekommen,“ entgegnete Aennchen ganz be⸗ ſtimmt.—„Ach, wer hat dir denn das geſagt?“ äußerte die Mutter.— „Nun, er ſelber, und da muß es doch gewiß wahr ſein.“—


