Jahrgang 
3 (1857)
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12 Die Wandlungen des Lebens.

tenwagen, der über Oderau fuhr, zu ihrem Bruder reiste. Und jetzt ging's um zwanzigmal ſchneller, die Pferde griffen rüſtig aus, das Fuhrwerk war leicht für ſolche Kernthiere, die gut chauſſirte Straße, auf der der Wagen ſo luſtig hinrollte, trug zum raſchen Fortkommen außerordentlich viel bei, und die Bäume und Häuſer rechts und links tanzten gleichſam einen Reihen neben dem Fuhrwerk her, in dem Aennchen ſo bequem ſaß, wie eine Per⸗ ſon, die etwas Großes bedeutete. So ſchnell wie das ging, brauchten ſie keine ſechs Stunden bis nach Bielewitz, wo zum Spät⸗Nachmittage in der ſechsten Stunde Pfarrer, Gemeinde und Schulkinder den neuen Cantor erwarteten.

Da die Unterhaltung in ſo viel Stunden des Beiſammenſeins von Gegenſtand zu Gegenſtand ſprang und bald das, bald jenes auf's Tapet kam, ſo erzählte der alte Freudig auch vom Bielewitzer Paſtor und ſeinem Hauskreuz.Ein herzensguter braver Geiſtlicher, dem der liebe Gott eine ſchwere Laſt aufgelegt hat mit ſeiner Frau, die mordböſe und ein wahrer Teufel von Geiz iſt, referirte Freudig.Jetzt iſt ſie noch obendrein när⸗ riſch geworden und hat ſich ſchon ein paarmal das Leben zu nehmen ver⸗ ſucht, weil ſie ſich einbildet, verhungern zu müſſen bei dem ſchönen Einkom⸗ men ihres Eheherrn, das ſich doch gewiß an oder über tauſend Thaler jährlich beläuft. Na, wenn der Himmel den guten Paſtor einmal von der Frau erlöst, kann er nur ſingen laſſen:Nun danket alle Gott! Die hat ihm die acht Jahre, ſeit er ſie hat, das Leben zur Hölle auf Erden gemacht. Freilich iſt er nicht ganz ohne Schuld dabei, das wiſſen wir wohl. Hätte er nicht eine Reiche haben wollen, ſo hätte er hundert Andere kriegen können, mit denen er ganz glücklich angekommen wäre; aber als armer Candidat hat er auch gedacht, eine reiche Frau macht's aus.'s iſt nicht alles mit einander in der Welt, beim Reichthum fehlt oft's gute Herz, und wo das fehlt, da iſt, mein Sir! arm ſein beſſer. Da hatten ſie denn auf einmal ein Stück aus der Bielewitzer Menſchengeſchichte, und der alte gute Kirchvater plauderte noch mehr aus, bis ſie an die Grenzfelder von Bielewitz kamen.

Der Himmel war der Einholungsfeier recht günſtig. Die weißen Schäfchen, die Vorboten ausdauernden guten Wetters, ſchwammen reihen⸗ weiſe, wie geordnet, in Reih und Glied, im tiefblauen Ocean des Aethers, die warme Juniſonne hauchte ſie mit ihren blendenden Strahlen an, daß ſie

glänzend ausſchauten, ein tiefer, heiliger Friede lagerte auf den reich beſtan⸗