Jahrgang 
3 (1857)
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Von Fr. Lubojatzky. 11

Erinnerung an dieſe Neigung ganz verwiſchen werde. Sie wollte ihn aber aufrichten, er ſollte nicht mit Kummer von hier fortreiſen, und deshalb ſagte ſte:Nun, ich denke, da die junge Dame dich ſo geachtet hat, wie du erzählteſt, ſo wird ſie ganz beſtimmt auch ſo vernünftig ſein, den üblen Spaß des Offiziers als das anzuſehen, was er im Grund auch iſt, als eines gebildeten Mannes unwürdig und nicht deine Ehre iſt dadurch verletzt, ſondern eben nur die des Offiziers. Wie konnte dich das ſo ſehr ſtören? Die Ruhe und Ueberzeugung, mit welcher die Mutter dieſe Anſicht aus⸗ ſprach, blieb nicht ohne Einwirkung auf ihn, er ward bald wieder ganz heiter und lachte herzlich, als Aennchen meinte: ſie habe ſich vorhin vor ihm ordentlich gefürchtet, er habe grade ſo ein bitterböſes Geſicht gemacht, wie der große ſteinerne Roland an der Marktecke.

Die verdrießliche Stimmung, in der Hermann ſich befunden, als er in die Stube eintrat, hatte ihn ganz überſehen laſſen, daß die Mutter ſo ernſt am Fenſter ſtand, als ſei ihr etwas ſchwer auf die Seele gefallen, und als wolle ſte ſich durch ihr Hinausgehen einer Frage von ſeiner Seite entziehen. In der That war dies auch der Fall geweſen. In dem Wagen ſaß eine Perſon, deren Anblick ihr recht ſchmerzlich die Vergangenheit in die Seele rief und ſie alſo verdüſterte. Das kleine Geheimniß ihres Sohnes war jedoch ein Ableiter für dieſe trübe Empfindung, und als der Wagen von Bielewitz vor's Haus fuhr, gedachte ſie nicht mehr daran, daß ſte Kummer über etwas empfunden, was doch einmal nicht zu ändern war.

Jetzt erſt zeigte ſich's, wie lieb die Nachbarn die Familie Balzer hatten, denn als es zum Einſteigen in den Wagen kam, nahmen ſie alle Abſchied von Hermann und wünſchten ihm Gottesſegen in ſeinem Amte. Der alte Kirchvater Freudig aus Bielewitz, der zum Abholen des neuen Cantors mitgekommen, meinte, ſo ein Adjeuſagen habe er noch nicht geſehen, und er hätte doch in den Sechzigen nicht mehr viel zu ſuchen und hätte auch den alten Cantor emeritus vor einigen dreißig Jahren, wie er noch ein junger Mann geweſen, aus Olbershain abgeholt. In der großen Stadt, ſollte man denken, gäbe es gar keine ſo ehrliche Freundſchaft, wie ſich's hier zeige. Das müſſe er den Bielewitzern ſagen, die würden einmal horchen. Und dann ging's fort, die gut genährten Bauernpferde zogen tuchtig an, und bald war das Fuhrwerk aus der Gaſſe verſchwunden. Aennchen war in ihrem Gott vergnügt, ſte fuhr gern und hatte ſich ſchon ganz glücklich gefühlt, wenn ſie mit dem langſam dahin ſich ſchleppenden Bernſtädter Bo⸗