10 Die Wandlungen des Lebens⸗
„Ja,“ antwortete Hermann;„vor einem halben Jahre hielt ſie ſich auf ein paar Wochen bei Herrn von Kegler, dem Beſitzer von Oderau auf, wo ich Adjuvant bei der Schule war. Herr von Kegler und ſeine ganze Familie ſind ſehr für die Muſik eingenommen, und es war daher gar nichts Beſonderes, daß der Herr, deſſen Gemahlin krank lag, weßhalb er mit ſeinen beiden Töchtern auch für den Winter auf dem Gute bleiben mußte, mich einlud, die Woche über ein paar mal auf's Schloß zu kommen. Er blies Flöte, ich ſpielte die Geige und Fräulein Hermine oder Ida den Flü⸗ gel. Unſere Concerte waren nicht viel werth, denn die beiden Fräulein ſpielten herzlich ſchlecht, aber man mußte ſchon zufrieden ſein. Vor den Weihnachtsfeiertagen kam jedoch Fräulein Pauline, eben die junge Dame, die vorhin hier vorbeifuhr, auf's Schloß zum Beſuch. Nun klang es ganz anders, Fräulein Pauline ſpielte prächtig und ſang wie eine Nachtigall. Ich ſpielte zuweilen vierhändige Sonaten mit ihr oder ſie ſang und ich nahm die Begleitung auf dem Flügel; Herr von Kegler war außer ſich vor Ver⸗ gnügen und hätte ſie gern länger bei ſich geſehen, aber ihr Vater, der ein ſteinreicher Kaufmann ſein ſoll, holte ſie am Sonntag vor Weihnachten ab und dagegen ließ ſich nicht demonſtriren. Mir that es auch ſehr leid, daß ſie nach der Stadt zurück mußte— der Winter war nun auf einmal recht langweilig geworden, wir hatten uns alle in den paar Wochen ſo ſehr an die Dame gewöhnt, daß wir ihren Verluſt fühlten, als hätte ſie viele Jahre mit uns zuſammen gelebt. Gegen mich war ſie außerordentlich gütig, aus der Stadt hat ſie mir noch das ſchöne Lied„die Thräne“ geſchickt, weil mir das ſo ſehr gefallen, und Herr von Kegler ſagte mir, als er mir das Lied übergab:„Das können Sie ſich für was Großes anrechnen, mein lieber Balzer, daß Fräulein Pauline ſich noch an Sie exinnert hat trotz der vielen Bälle und Feſtlichkeiten, von denen eine ſo ſchöne junge Dame gewiß recht ſehr in Anſpruch genommen wird.“ Das Lied hebe ich mir als Andenken an die Geberin auf. Ihr könnt wohl denken, daß ich ungemein überraſcht war, ſie heute ſo unvermuthet wieder zu ſehen. Und der hämiſche Menſch warf einen ſo häßlichen Stein in meine Freude!“
Die Mutter täuſchte ſich nicht, als ſie in der Erzählung Hermanns den Aufblitz einer tieferen und innigeren Zuneigung fand, welche nur durch die Unmöglichkeit einer Annäherung zwiſchen ihm und dem Gegenſtand der⸗ ſelben niedergehalten wurde. Sie war froh, daß das praktiſche Leben, die
erhöhte Thätigkeit, welche ihn in Bielewitz in Anſpruch nahmen, auch die
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