8 Die Wandlungen des Lebens.
mit dem Tuche auch ſchon am Wagen, und es der jungen Dame ehrer⸗ bietig überreichend, ſagte er:„Ich freue mich recht ſehr, Ihnen, mein Fräulein—.“—„Danke, danke,“ fiel der junge Offizier ihm ins Wort, das Tuch ihm aus der Hand nehmend, und einen Scherz beim Ueberreichen deſſelben an die junge Dame anknüpfend, ſprach er lachend:„Die Leute hier ſind prächtig aufs Apportiren dreſſirt.“—„Fort, Fritze!“ komman⸗ dirte der alte Herr mit den vollen goldenen Epauletten. Ein leiſer Pfiff, die Pferde, die kaum angehalten, zogen wieder an und die Equipage rollte weiter.
Hermann war außerordentlich beſtürzt. In den Himmel voll Freude, den er noch vor kurzem ſo ausſchließlich im Herzen trug, war ein greller Mißton gefallen, die ganze Cantorats⸗Herrlichkeit, in der er ſich noch vor wenigen Minuten wie von einer Strahlenglorie umwoben befunden hatte, unter einem tiefen nächtlichen Schatten verſunken.„Aufs Apportiren dreſ⸗ ſirt!“ Der häßliche Scherz wollte ihm nicht aus dem Ohre, es war ihm, als wiederholte jemand neben ihm flüſternd den ſchlechten, in den Augen des ſchönen Mädchens ihn ſo tief erniedrigenden Witz. Sie hatte gar nichts geſagt— freilich die ganze Begebenheit war ſo kurz, nur in den Raum von zehn oder fünf Sekunden gedrängt, daß es wohl unmöglich geweſen wäre, von ihrer Seite einen Widerſpruch gegen die ſo unpaſſende und ihn ſchwer verletzende Bemerkung ihres Vis-à-vis zu erheben. Aber etwas, nur ein Wörtchen hätte ſte doch wohl ſagen können, nicht einmal ein ein⸗ faches„Danke“ war aus ihrem Munde hervorgegangen. Das that ihm wehe.
Langſam ging er ins Haus hinein, die Mutter ſtand am Fenſter, ſie hatte alſo geſehen, wie er das Tuch in den Wagen gereicht, aber ſie redete davon gar nicht, ſondern ging in die Küche hinaus. Das war ihm lieb, Fragen würden ihn noch mehr verſtimmt haben. Wie ein recht müde ge⸗ wordener Läufer oder einer, der eine ſchwere Laſt getragen, ſetzte er ſich auf einen im Winkel der Stube ſtehenden Stuhl. Der Schmerz mußte erſt verwunden werden, ehe er an etwas Anderes denken konnte, er war ſo daran gewöhnt, alles in logiſcher Reihenfolge zu thun, daß es ihm gar nicht möglich geweſen ſein würde, jetzt auf einmal ſein Denken zu überſtürzen.
Wie lange er ſo dageſeſſen im ſtillen Nachſinnen über die ihm wider⸗ fahrene Ehrverletzung, wußte er nicht; als die Mutter mit Aennchen ein⸗ rat, hörten ſie ihn grade vor ſich hinreden:„iſt denn ein Cantor aufs Apportiren dreſſirt?“— Aennchen hatte keine Ahnung, daß dieſe ſo ſeltſame


