4 Die Wandlungen des Lebens.
„Mütterchen, nun iſt alle Noth vorüber, nun hat's Gott recht wohl mit uns gemacht und du ſollſt jetzt gar keine Sorge mehr haben. Wofür wäre ich denn Cantor, wenn ich mein herzliebes Mütterchen und Schweſter Aenn⸗ chen nicht ernähren ſollte? Ihr zieht mit mir aufs Dorf; o da wohnt ſich's
prächtig, die Leute leben da viel länger, weil auf dem Dorfe eine geſunde Luft iſt. Wir wirthſchaften zuſammen,'s wird herrlich werden.“
Das war alles der Ausdruck des Jubels bei Hermann, er hätte in ſeiner übergroßen Freude die ganze Welt, wenn ſie ſein geweſen wäre, mit Mutter und Schweſter getheilt. Und bloß im Rauſche des Frohſinnes war das auch nicht hingeredet, nein, im vollen Ernſte, denn eben, daß ſich die Drei ſo herzlich unter einander liebten, war in der bitteren Armuth, die ſie mit einander ergeben getragen, ihr Stammkapital geweſen, von deſſen Zin⸗ ſen ſte gezehrt, die ihnen die vielen Entbehrungen erleichtert hatten. Jetzt hielt Frau Balzer die Ernte von dem, was ſie mit ſo vielem Kummer einſt geſäet hatte. In der Liebe ihres Sohnes erkannte ſie die ſchöne Frucht ihrer mütterlichen Sorge. Es war ihr recht ſchwer geworden, die beiden Kinder aufzuziehen, der Vater hatte nur um ein paar Jahre die Geburt ſeines jetzt faſt einundzwanzig Jahre zählenden Aennchens überlebt, und da hieß es
knapp haushalten für die zurückgebliebene Wittwe, um ſich und die beiden
Kinder— der Hermann ging zu der Zeit ins fünfte Jahr— durchzubrin⸗ gen, da von einer Hinterlaſſenſchaft ihres ſeligen Mannes keine Rede war. Und immer noch blieb es ein Glück, daß ſie wenigſtens dies Häuschen beſaß. Freilich war ihr daſſelbe manchmal zur recht drückenden Laſt gewor⸗ den, denn die Abgaben darauf mußte ſie ſich im vollen Sinne des Wortes vom Munde abſparen, aber wie ſchwer es ihr auch wurde, ſie hielt aus, mittelſt ſpartaniſcher Enthaltſamkeit wurde es ihr möglich, ihre Kinder zu erziehen. Die Nachbarn wußten das und ſprachen ihre Hochachtung vor der braven Wittwe überall und immer auf das herzlichſte aus. Dieſer Achtung hatte ſie es auch zu danken, daß ihr Hermann, der ſo große Luſt zum Lehrerſtande gezeigt hatte, eine Freiſtelle im Seminar bekam. Und daß er jetzt, wo er kaum ein Viertelhundert Lebensjahre zählte, ſchon eine Stelle wie die zu Bielewitz erhielt, zeigte, wie man erkannt hatte, daß er zu ſolcher befähigt ſei.
Gewiß, er war es; ein kindlich reines Herz und frommer Sinn, wie ein rechter Lehrer haben muß, der nicht mit Worten allein, ſondern auch mit ſeinem Beiſpiele wirken will, war bei ihm zu finden. Wo er bisher


