Jahrgang 
3 (1857)
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Von Fr. Lubojatzky. 3

Stuhl am Fenſter niederließ. Wahrhaftig, das Mädchen ſah zianoberroth im Geſichte aus, der Schweiß perlte ihr in hellen Tropfen auf der Stirn, und Hermann taumelte auch wie Einer, der einen Rauſch nicht bemeiſtern kann, an den Tiſch, daß das alte Möbelſtück wie im tiefſten Marke knarrte.

Was iſt denn hier los? fragte die Götze erſtaunt,ich bitte Sie, Frau Nachbarin, wie ſoll man ſich denn das erklären? Sie weinen und der

Hermann iſt außer ſich vor lauter Luſt, als wenn er einen kleinen Schwips

hätte nein, ſagen Sie doch, was iſt denn geſchehen?Mein Sohn, ſtammelte Frau Balzer,iſt ſo eben.Zum Cantor von Bielewitz ernannt worden! jubelte Hermann aufs neue, der Frau Götze das Dekret hinhaltend.Sehen Sie, leſen Sie, da ſteht es ſchwarz auf weiß. O's iſt gar nichts Kleines, Cantor in Bielewitz zu ſein! Das iſt ein Kirchdorf von 2500 Seelen, wie ein kleines Städtchen ſo groß, die Einwohner trei⸗ ben Weberei und Ackerbau, und der Hopfen geräth dort prächtig. Ich lege mir eine ganze Hopfenplantage an, und Schule will ich halten, daß die Bielewitzer Kinder die Preismedaille kriegen ſollen.

Nun, da gratulire ich beſtens, ſagte die Nachbarin herzlich,Ihnen und der Mutter und Schweſter gönn' ich's von Herzen. So braven Leuten muß es doch auch einmal wohlgehen. Der liebe Gott weiß ſchon, wie er ſeine Sachen machen muß, daß wir alle zuletzt zufrieden werden.Ja, ja, das iſt wahr, Frau Nachbarin; mein guter ſeliger Mann ſagte das immer und wenn er einmal ſang, war's kein anderes Lied, als: Was Gott thut, das iſt wohlgethan.Und das ſoll mein Leiblied für's ganze Leben werden, rief Hermann;jetzt wollen wir's ſingen, jetzt iſt's die rechte Zeit.

Die Geige von der Wand nehmend, hob er mit ſchönem kräftigem Baß das alte herzinnige Kirchenlied an, und die Andern blieben nicht zurück. Mutter Balzers zitternder Sang ließ es recht deutlich hören, wie tief bei ihr die Freude gegriffen, zuweilen ſchienen die Töne in ihrem Munde ganz zu erſterben, das machten aber die Freudenthränen, die ſo unaufhörlich über ihre Wangen rollten. Und die Nachbarin Götze hatte auch mit eingeſtimmt, und war ihre Stimme auch keineswegs angenehm, ſo kam ſie doch aus einem gutmeinenden mitfühlenden Herzen. Aennchens klare Töne umſäum⸗ ten den ungeregelten Viergeſang wie mit Lerchengewirbel, das als helles Jauchzen einer frohen Seele galt. Und wie die letzte Strophe verklungen war, da lief Hermann zu ſeiner Mutter und ihre Hand ergreifend, rief er:

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