Jahrgang 
3 (1857)
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Die Wandlungen des Lebens.

Die verſchämte Armuth ſucht ſorglich ihre Blößen vor dem Auge der Welt zu verhüllen, ſie will keine widerliche Empfindung bei denen erwecken, die unbekannt mit den Verhältniſſen an ihr vorübergehen, das Mitleid An⸗ derer erſchreckt und beſchämt ſie zugleich, eben weil ſie fühlt, daß es bei einigem Glück anders ſein könnte. Das iſt kein Dünkel, im Gegentheil ein ehrenwerther Ausdruck des Selbſtbewußtſeins, das im Kampfe mit wider⸗ wärtigen Verhältniſſen ſie aufrecht hält. So alt das Haus iſt, welches nur aus einer Wohnung zu ebener Erde und einem kleinen Bodenraum beſteht, ſo lange hat es auch die Familie Balzer beſeſſen, vom Großvater iſt es auf den Vater vererbt worden, und jetzt wohnt des Letzteren Wittwe mit ihren beiden Kindern darin. Nur die äußerſte Sparſamkeit hat es der armen Frau möglich gemacht, ſich dies Obdach zu erhalten, die böſen Jahre ſind aber nun in ſo weit vorüber, als die Sorge um die Kinder ihr vom Herzen genommen iſt. Ihr Hermann hat die Beſtätigung zum Cantor in dem zehn Stunden von der Hauptſtadt entfernten Kirchdorfe Bielewitz er⸗ halten, und Aennchen verdient ſich als Weißnätherin ihr tägliches Brod, das freilich karg genug, aber doch ehrenhaft errungen iſt. Seit vielen

Jahren war in dem kleinen Hauſe keine ſo große Freude geweſen, wie an dem

Tage, wo Hermann das Dekret zum Eintritt ins Bielewitzer Cantorat er⸗ hielt. Frau Balzer konnte ſich gar nicht faſſen vor Glück; das war ihr ſo überraſchend gekommen wie ein Blitzſtrahl aus heiterem Himmel. Der neue Cantor tanzte, die Conſiſtorial⸗Zuſchrift hoch in der Rechten haltend und mit der Linken Schweſter Aennchen feſt umſchlingend, um den Tiſch und jubelte laut aus voller Seele:Ich bin Cantor in Bielewitz! Juchhei! und dabei flogen ein paar Stühle mit tüchtigem Gepolter zu Boden, grade als müßten Kanonenſchläge zu dem Herzensjubel gelöst werden. Aennchen, gar nicht an ſolches Wildern gewöhnt, verlor faſt den Athem und rief nach Luft ringend:Ich kann nicht mehr ich kann nicht du bringſt mich ja um. Aber Hermann ließ nicht los, dem war die Bruſt auf einmal ſo weit geworden wie eine Welt, er jubelte in einem fort:Juchhei, ich bin Cantor von Bielewitz!

In der immer ſtillen Wohnung der Balzerſchen Familie war ſolcher Lärm etwas ſo ganz Ungewöhnliches, daß die Nachbarin Götze, die grade an dem Gärtchen vorübergegangen war, in die Stube trat und ihren Augen kaum traute, den Hermann in ſolcher Eraltation zu ſehen.Ach, ich bin todt, ſtöhnte Aennchen, als der neue Cantor ſie aus dem Arme auf den