Jahrgang 
3 (1857)
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Die Wandlungen des Febens.

Novelle von

Fr. Lubojatzky.

I.

Am CEnde der Vorſtadt, wo die Häuſer immer kleiner gerathen ſind und manche eben nur für eine Familie und auch für dieſe, wenn unver⸗ hoffter Kinderſegen ſich eingeſtellt hat, nur mit Noth und Einſchränkung den erforderlichen Raum bieten, ſteht ein kleines Haus, dem man es auf den erſten Blick anſteht, daß ſein Erbauer nicht zu jenen Glücklichen gehört hat, welche das Sprichwort:bis an den Ellenbogen in den Geldſack fahen ren buchſtäblich auf ſich in Anwendung bringen konnten. Ein ſchmales Gärtchen zieht ſich vor dem erwähnten Hauſe hin, welches eine Menge Spuren irdiſcher Vergänglichkeit an ſich trägt. Ein neues Ziegeldach könnte dem kleinen Gebäude zum weſentlichen Vortheil gereichen, aber der Koſten⸗ anſchlag dieſer Verjüngungs⸗Toilette iſt für die Mittel der Bewohner ſeit Jahren eine zu ſtarke Herausforderung geweſen, und ſo zeigt das Dach eine Menge Abſtufungen von hellem Roth bis zum Dunkel des ausgewet⸗ terten Ziegels und hat eben wegen dieſer in verſchiedenen Jahrgängen erhal⸗ tenen Ausbeſſerungen, die man ſo deutlich von einander unterſcheiden kann, gewiſſermaßen eine Aehnlichkeit mit einer kolorirten Landkarte. Der Anſtrich des Hauſes ſelbſt iſt ſauber gehalten, man ſieht da keinen ſich ablöſenden Abputz, nirgends blickt die nackte gelbe Lehmwand hervor, und dieſe Sau⸗ berkeit läßt im Voraus auch auf die Bewohner ein ſehr vortheilhaftes Licht fallen. So arm ſie ſein mögen, ſind ſie doch nicht ohne die nöthige Selbſt⸗ achtung, ſonſt würden ſie nicht ihre Aufmerkſamkeit auf Aeußeres richten, deſſen Inſtandhaltung ihnen eine Ausgabe verurſacht, welche ſie vielleicht mit Entbehrungen erſchwingen.*

Hausblätter. 1857. III. Bd. 1