Von Friedrich Lampert. 479
Eine Hügelgruppe, mit prächtigem Laubwald bewachſen, von mehre⸗ ren, auch umgrünten Schluchten durchſchnitten, zog ſich bis hart an die See herab; von den Hügeln und aus den Schluchten blinkten mir in male⸗ riſcher Unordnung durcheinander geſtreut dreißig bis vierzig weiße Häuſer entgegen; am Strande ſtand ein halbes Dutzend Badekarren ins Waſſer geſchoben; auf dem höchſten der Hügel ſchimmerte ein beſonders ſtattliches Gebäude, das Traiteurhaus, wie es hier heißt; fröhliche Muſik ſchallte von dort her, viel Welt war oben verſammelt, bald hatte ich mir auch ein Plätzchen zur ſtillen Beobachtung erobert,— und Häringsdorf war mir nichts Fremdes mehr.
Auf dieſer Höhe ward einſt der Tauftag des nun ſo blühenden See⸗ bades gefeiert. Es war vor ſo und ſo viel Jahren, da bewirtheten die Bewohner des damals noch ſehr ärmlichen Dörfchens den König Friedrich⸗ Wilhelm III. von Preußen und die Fürſtin von Liegnitz mit friſchen, in Salz und Waſſer gekochten Häringen, und dieſes Frühſtück gab nach des hohen Gaſtes Willen dem reizenden Orte ſeinen Namen.
Ja, reizend iſt dieſes Häringsdorf; es iſt unſtreitig das idylliiſchſte aller deutſchen Seebäder, eine ſchöne wilde Roſe am Meeresgeſtade ent⸗ ſproſſen. Seine wunderbare Schönheit und herzgewinnende Lieblichkeit beſteht darin, daß es das Meer ſo nahe hat, daß man von jedem Hauſe mit ein paar Schritten am Strande ſtehen kann, daß man überall im Zau⸗ berreiche dieſer gewaltigen, erhebenden Flutenmuſik iſt und daß der Blick immer nur das Eine nimmer Ermüdende, ewig Wechſelnde vor ſich hat— die unbegrenzte, in ihrer Unermeßlichkeit durch nichts beſchränkte See. Am bezauberndſten iſt die Ausſtcht von jener Höhe des Traiteurhauſes; und daß ſie ſich in dieſe ſo recht nach Herzensluſt verſenken können, Tag für Tag all die wandelnden Phaſen der Meeresbilder anſchauen dürfen— darum ſind die Badegäſte Häringsdorf faſt noch mehr zu beneiden, als um das Glück, von den brandenden Wellen ſelber zum Tanze geladen zu werden.
Ein ungemein ſtarker, alle Heilkraft in ſich bergender Wellenſchlag brandet hier ans Ufer, die reinſte Luft geſellt ſich ſeiner Kraft. Das weiß man wohl zu ſchätzen; Swinemünde und Putbus bieten das nicht. Darum füllt ſich Häringsdorf allſommerlich mit Gäſten, bis die kleinen Häuſer faſt keinen Raum mehr für ſie haben. Eine gewählte, das geiſtige Element in den Oſtſeebädern am meiſten vertretende Geſellſchaft findet ſich jährlich hier zuſammen, ſie könnte auch Anſpruch machen an den Luxus und die


