Jahrgang 
2 (1857)
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478 Eine Fahrt durch Rügen.

Hier an dieſem Theil des Strandes von Uſedom und weiter hinaus, wo jetzt die Wogen fluten, erhoben ſich einſt die weit gedehnten Straßen, die ſchlanken Thürme, die ſtolzen Paläſte des mächtigen, üppigen Vineta, des Tyrus des Nordens, der Stadt, deren Thore von Erz, deren Geräth⸗ ſchaften von Silber waren. Die Zeit ihres Entſtehens und Vergehens liegt in nebelgrauer Ferne. Auf den Fluten des Meeres kam ihr der Tag der Vernichtung. Die Waſſer ſtürmten herein und zogen die Stadt mit all ihrer Schöne in das Wogengrab. Wenn in ſtillen Morgen⸗ oder Abendſtunden die Wellen glatt ſich ebben, dann ſchaut das Auge tief hinun⸗ ter in die ertrunkene ſchöne Stadt, dann ſieht es das Sonnengold auf den Thürmen und Paläſten ſich wiederſpiegeln, ſchaut hinein in die langen und reichen Straßen; allein in ihnen iſt es ſtill, öde, ſtumm, und nur wie leiſer Glockenklang tönt es herauf: Vineta!

In den Harfen der Dichter hat es wiedergeklungen von dem todten Vineta: ſie wiſſen dem zauberiſchen Gebilde tiefe Deutung zu geben. Die Geſchichte hat auch ihr Vineta ſie träumt vom längſt verlornen Para⸗ dieſe. Ein jedes Herz hat ſein Vineta irgend eine in ihm vergrabene Seligkeit, in die nur in geweihten Stunden das Auge der Sehnſucht und Erinnerung niederſchaut.

Ich kann den Sonntagmorgen nicht vergeſſen, wo ich an jener Stätte erſtorbenen Lebens geweilt und träumeriſch zum heiterblauen Himmel aufſchaute, der wie ein heilig Auge der Vergebung und Verſöhnung auf das Todtengefilde des Meeres niedergrüßte. Oft iſt es mir, als wenn auf feuchten Schwingen ein ferngeſandter Gruß mir zugetragen würde und es mir geheimnißvoll riefe:Vineta, Vineta!

Wo gübt es nicht Contraſte? Dieſe Grabesſtätte, dieſe Todteneinſam⸗ keit hier und wenige Stunden von ihr entfernt Welt und Leben das Seebad Häringsdorf.Häringsdorf? fragſt du vielleicht und ſuchſt auf der deiner Erinnerung vorliegenden Liſte der deutſchen Bäder nach, erhältſt

aber doch nicht auf den erſten Augenblick Beſcheid und doch iſt das

Fiſcherdörfchen, das ſich ſchon durch ſeinen Namen als ſolches ankündigt, gar kein ſo unbedeutendes Weſen, ſondern eine der köſtlichſten Perlen, die das Meer an den deutſchen Strand geworfen hat. Ich habe einſt auch ſo viel wie nichts von Häringsdorf gewußt, bis ich an dieſem klaren Auguſt⸗ ſonntage ſeine Bekanntſchaft machte, indem ſich mir nach ſtundenlanger ermüdender Wanderung auf der ſchattenloſen Meeresküſte, dieſe plötzlich mit der lieblichſten Strandſcenerie umkleidete.