Jahrgang 
2 (1857)
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Uein

Von Friedrich Lampert. 477

Ein Sonntag war mein letzter Tag am Meere. Sonntägliche Stille lagerte auf der Stadt, als ich am frühen Morgen Wolgaſt verließ, über die Peene nach der Inſel Uſedom überſetzte und bald wieder auch da am Strande wanderte. Sonntägliche Stille lagerte auf dem Lande und auf den Meeresfluten. Viel einförmiger als Rügen, aber doch wieder in der herrlichen Garnirung des Meeres unendlich mannigfach iſt der Strandtheil von Uſedom.

Rechts hatte ich dünne kleine Tannenwälder und hier und da ein in ihnen verſtecktes ärmliches Fiſcherdörfchen, zur Linken breitete ſich die vom Morgenwinde leicht gefaltete Leichendecke des Meeres hin. Wohl iſt die See hier eine Leichendecke, ſie umhüllt ja todte Herrlichkeit. Halbwegs zwiſchen Wolgaſt und Swinemünde leiteten mich tiefe Sandfurchen vom Strande ab zu dem kleinen Kirchdorf Coſerow; das war's, was ich ſuchte.

Der Streckelberg trennt es von der See. Er iſt ein gefähr⸗ licher Nachbar; früher war er ganz bewaldet, ein für Aus⸗ und Fernſicht begeiſterter Oberförſter ließ ihn lichten, und nun hat er das arme Dorf verſandet. So oft der Nordoſt über ſeinen Scheitel herfährt, ſchüttet er neue Sandwogen über den Ort hinab. Coſerow's Kirche habe ich mit leb⸗ haftem Intereſſe betrachtet; hier war Meinhold Pfarrer, hier iſt der klaſ⸗ ſiſche Schauplatz ſeinerBernſteinhexe.

Doch hinauf zum Streckelberge, dem bernſteinreichen Orte, aus wel⸗ chem ſich jene ſchöne Sage herausgeſponnen hat! Leicht iſt ſeine Höhe er⸗ ſtiegen. Eine auf einer Holzpyramide befeſtigte Tonne dient den heran⸗ ſegelnden Schiffen als Warn⸗ und Lenkzeichen. Wir ſind faſt verſucht, dem ausſichtſchwärmenden Oberförſter von Herzen dankbar zu ſein, denn er hat uns eine prachtvolle Rundſchau erſchloſſen. Auf Uſedom und Wollin, den beiden Schweſterinſeln, ruht der Blick; fernhin erſpäht das Auge die kleine Inſel Ruden.

Dieſer kahle, windumſtürmte Berg, das kleine Dorf zu ſeinen Füßen in faſt dämoniſcher Einſamkeit es war der paſſendſte Rahmen für das farbenduftige Bild der Bernſteinhere, der ſchönen Maria, der lieblichen Pfarrerstochter von Coſerow. Der Streckelberg ſteigt dicht am Strande hinan; der rollende Sand läßt uns ſchnell zu dieſem hinab kommen. Wir ſtehen am Rande eines Grabes im großen Meeresſarge ſchläft hier Vineta den langen, langen Todesſchlaf. Vineta! Wer hat nicht ſchon den wunderbaren Namen vernommen? Wo hier die Geſchichte aufhört, die Sage anfängt, wiſſen wir nicht.