468 Eine Fahrt durch Rügen.
Als wir an den Strand zurückkehrten neigte ſich die Sonne ſchon tiefer gen Arcona hin zum Weſten, ihre Lichter ſchweiften nur noch über die Spitzen der Kreidefelſen und die höchſten Baumwipfel,— das war die rechte Zeit für Herthagrund, Herthaſee und Herthaburg; in den letzten Ta⸗ gesſtunden dringt der geheimnißvolle Zauber dieſer Orte am gewaltſamſten auf uns ein.
Nicht weit vom Schweizerhaus entfernt biegt ein ſchmaler Pfad zum Herthagrund ab, einem vom Wald rings umſchloſſenen Platze, in deſſen Mitte eine Rieſenbuche ſich erhebt. Ein Stein liegt dort, auf dem ſich die Spuren eines weiblichen und eines Kinderfußes zeigen; ein zweiter neben dieſem gibt durch die Rinne, in welcher das Blut ablief, deutlich ſeine Be⸗ ſtimmung als Opferſtein zu erkennen.
Wir dringen, die dicht überhängenden Zweige auseinander biegend, tiefer in den immer dunkler werdenden Wald hinein; er erhebt ſich zu hohen Hügeln, und in deren Schooß ruht ernſt und ſtill der heilige Hertha⸗ ſee. Ein reicher Kranz von Vergißmeinnicht ſchlingt ſich um ſein Ufer, faſt das einzige Lichte in dieſem allgemeinen Dunkel. Tiefer gefärbt ſind die Blätter der Bäume, ſchwarz iſt des tiefen Sees Flut; die meerwärts geſun⸗ kene Sonne kann nicht mehr über die Waldhügel heraufleuchten, Nacht⸗ ſchatten lagern ſich allenthalben umher. Lautloſes, banges Schweigen breitet ſich um die geheimnißvolle Stätte, kein Lüftchen macht die Zweige rauſchen, kein Vogel erhebt ſeine Stimme, keine Woge kräuſelt die ewig ruhig, ungeſtört glatte Seefläche. Kanns auch anders ſein, wo unter dieſer ſchwarzen Leichendecke ſo viel blühendes Leben in den ewigen Schlummer verſenkt ruht, wo an dieſem Orte ſich einſt Tod und Leben in Einem und demſelben Augenblicke ſo furchtbar die Hand reichten?
Auf der Nordſeite begränzt den See die Herthaburg, ein 490 Fuß meſſender Erdwall, der einen 164 Schritt weiten Waldplatz umſchließt. In dieſem Raume ſtand Herthas, der allernährenden Göttermutter, heiliger, hochverehrter Tempel; hier ward jener myſtiſche Kultus geübt, der mit blutigem Grauen die Wahrheit umhüllte, daß das Göttliche, geheimnißvoll nahend, Glück und Segen bringe, daß aber kein ſterbliches Auge eindringen dürfe in den Glanz und die Fülle des Himmliſchen ſelbſt.— Einmal im Jahre durchzog die Göttin im heiligen Wagen das Land, war ſie in den Tempel zurückgekehrt, ſo ward der Wagen im See gereinigt; alle Diener und Gehülfen der Prieſter aber verſchlangen die Wogen. An dem ſanft


