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Leitung
Von Friedrich Lampert. 467
nehmen wohl kein Rügenfahrer vergeſſen wird, und deren Verbindung mit den Felſen Wilhelm Müller in ſeinen„Strandbildern von Rügen“ ſo ſinnige Deutung gegeben hat. Ueberhaupt ſind dieſe ſchönen friſchen Lieder des ſo früh geſchiedenen Dichters ein lieber Begleiter durch das Inſelland. Nicht nur der alten, heiligen Volksſttte auf Mönchgut oder den Glocken der verſunkenen Meeresſtadt, ſondern auch den Steingebilden am Meergeſtade hat er Klang und Ton gegeben. Auch die hübſchen, von der ewigen Wel⸗ lenbewegung gerundeten Eiſteine, die wir uns am Strand von Stubben⸗ kammer nach Belieben größer oder kleiner zu Briefbeſchwerern auswählen, hat er allegoriſirt.
Zu dieſem Strande leitet vom Königsſtuhl zwiſchen Groß⸗ und Klein⸗ Stubbenkammer ein ſteiler Pfad hinunter, zunächſt zur Quelle eines kleinen, eiſenhaltigen Baches. Ein Laubtempel umſchließt das ſteingefaßte, von Raſenbänken umgebene Baſſin. Verſtohlen blickt der blaue Himmel, blinkt die ſonnenüberglänzte See durch die dunklen Waldwände herein. Der Lauf des Baches führt vollends hinab. Rings am Strande und weit in die See hinein ſtreckt ſich ein mächtiges Steinlager hin, und wenn wir es wa⸗ gen und am Ende von einem dieſer Strandvorpoſten zum andern ſpringen, können wir uns vom Lande ziemlich weit entfernen und ſo auch den größten unter dieſen ſämmtlich nicht kleinen Granitblöcken näher anſehen, der unge⸗ fähr hundert Schritte weit einſam und wellenumrauſcht draußen in der See liegt und der Waſchſtein heißt.
Wäre nicht ſchon„Mitſummernacht“ vorüber geweſen, wer weiß, was wir da geſehen hätten! Vielleicht wären da die ſieben Jahre um ge⸗ weſen, nach deren Ablauf um jene Zeit immer eine ſchöne verwünſchte Jungfrau mit langen, goldenen Haaren und meerfeuchten ſüßen, blauen Augen, eine nordiſche Lorelei, auf dieſem Steine erſcheint und— weiß Gott, aus was für einem Grunde— wäſcht. Wir hätten dann zu ihr das ihren Bann löſende Zauberwort: Gott helf! geſprochen, und ſie wäre befreit ge⸗ weſen aus ihrem böſen, ſchlimmen Zauber, und ſie hätte uns den für ihre Er⸗ löſung verheißenen Lohn, die in der Uferſchlucht verborgenen Schätze, gegeben.
Aber Johannis war vorüber, und die Uferſchlucht zeigte keine ſich heimlich aufthuende verborgene Thüre und dahinter blitzendes Gold und Edelgeſtein, ſondern nur wilde, fantaſtiſch zerriſſene Kreidefelſen und keck darüber hin laufendes Buchengruͤn, und an dem Waſchſtein wuſchen und ſchäumten nur die Wellen.
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