Jahrgang 
2 (1857)
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en Ta⸗

amften

Von Friedrich Lampert. 469

zum See ſich neigenden Abhange der Herthaburg bezeichnet ein mehrere Schritte breiter Einſchnitt die Stelle, wo der Wagen der Göttin hinabge⸗ laſſen wurde in die reinigenden und tödtenden Fluten.

Auf der Raſenbank, auf der Höhe des Tempelwalles, ſaß ich, während die Wolken im Weſten ſtärker ſich röthend der ſcheidenden Sonne die Todten⸗ fackeln entzündeten, und las den Gefährten das 40. Kapitel aus des Tacitus Germania vor, den locus classicus für die claſſiſche Stelle. Und als ich geendet, war der in ſeiner Großartigkeit für Worte faſt unerfaßbare Augenblick des Sonnenuntergangs gekommen. Die waldige Umkränzung wird nur auf einer Seite gelichtet und läßt das Meer glänzend hervor⸗ treten; grade über dieſer Lichtung taucht die Sonne, mit ihrem Glühen Himmel, Wald und See umgoldend, hinab und der Himmel, der ſie ver⸗ loren, ſtreut rothe Wolkenroſen auf ihr wogenbedecktes Grab.

Bei ziemlich vorgerückter Ddämmerung kamen wir zum Schweizerhaus zurück; wie ſchön ſaß es ſich da noch unter den hohen Buchen, hinaus zu träumen in die dunkelnde Nacht, der Erinnerung noch einmal die eben erlebten wunderbaren Eindrücke vorzuführen und zu den fernen Lieben die Gutnachtgrüße fliegen zu laſſen.

Allein lange konnte die einſame Träumerei nicht dauern. Die Glocke ſchellte zum Souper. Hier, wo die meiſten Fremden erſt Abends an⸗ kommen und Morgens wieder gehen, nimmt die Abendtafel den Rang des Mittagstiſches ein. Die ziemlich zahlreiche Geſellſchaft konnte ſich nicht beklagen; für des Leibes Nahrung und Nothdurft war reich und gut geſorgt. Man fühlte ſich überhaupt behaglich in dem kleinen hüb⸗ ſchen Speiſeſalon; eine lebhafte Unterhaltung brachte die Tiſchgeſellſchaft einander näher. Es waren meiſt pommerſche Notablen, die da verſam⸗ melt waren, Leute die etwas aufzuwenden hatten, mit prachtvollem Vier⸗ geſpann, aber altmodiſchen Kutſchen angefahren waren, im Allgemeinen aber ganz liebenswürdig und anſchließend mit ſich verkehren ließen. Nur ein paar Damen unſrer Tafelrunde meinten wahrſcheinlich ihr gar nicht übles Geſichtchen noch ſchöner zu machen, wenn ſie von Zeit zu Zeit ein paar ſeriöſe Linien einſchoben oder um die friſchen Lippen ein ariſtokratiſch moquantes Lächeln ſpielen ließen. Vielleicht galt dieſes Lächeln mir, als ich mit meinem ſeltſamlichen, freilich nicht einladend lautenden Vorſchlag kam, in die dunkle Nacht hinaus auf den Königsſtuhl zu gehen und dort ein Feuerwerk zu ſehen.

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