Jahrgang 
1 (1857)
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Kitterariſche Neberſichten.

Jakob Corvinus, die Chro⸗ nik der Sperlingsgaſſe. Berlin.

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Franz Stage. 1856. Wie es ein Publikum gibt, welches zu ſeiner Unter⸗ haltung ſtets nur Scharfes und Pikan⸗ tes verlangt und von einem Buch nichts hält, in dem es nicht ein wenig Mord und Todtſchlag und ſonſtige Handgreif⸗ lichkeiten gibt, ſo exiſtirt auch eine Art von Kritik, welche als Alpha und Omega des Werthes bei einem Buch die ſoge⸗ nannteHandlung in Betracht zieht, d. h. wohlverſtanden, was ſie für Hand⸗ lung hält auch gewiſſermaßen Mord und Todtſchlag, ſich drängende Ereig⸗ niſſe und Facta, mit einem Wort: ein äußerlich lebhaft oder wild bewegtes Leben. Das Publikum und die Kri⸗ tik wiſſen nichts davon, daß es auch im Menſchen eine Bewegung und, um uns ſo auszudrücken, eine Handlung gibt, daß auch dieſe ſich darſtellen und

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entwickeln läßt und Intereſſe einzuflößen vermag. Für dieſe Kritik und für dies Publikum, überhaupt für alle die⸗ jenigen, welche von einem Buche nur das wollen, was ſie ſich ſelbſt in den Kopf geſetzt, und das, was der Autor, der ſeines Stoffes Herr iſt, geben will und gibt, nicht gelten laſſen, weil es ihren zufälligen Vorausſetzungen viel⸗ leicht widerſpricht für alle dieſe, ſagen wir, dürfte das oben genannte Buch von geringem Werth ſein. Wer

jedoch zugibt, daß auch das einfachſte und innerlichſte Leben eine Darſtellung ver⸗ dienen kann, und wer ein ſolches Leben, wie es überall neben und um uns exi⸗ ſtirt, in einem Spiegelbilde aufgefaßt ſehen mag, der gehe hin und leſe dies Buch, und wir ſind ſicher, daß er es nicht unbefriedigt aus der Hand legen werde. Ein engeres und äußerlich ru higeres Leben, einfachere Verhältniſſe als uns hier vorgeführt werden, laſſen ſich freilich kaum denken. Da ſpinnt das Leben ſich ab in der kleinen Gaſſe der großen Stadt, in den beiden Häu⸗ ſern, die ſich dort gegenüberſtehen; in beiden wohnte der alte Hageſtolz und er⸗ zählt uns nun von ſeiner Jugend und ſei⸗ nen Freunden, von dem verwaisten, ihm ans Herz gewachſenen Kinde, von den Nachbarn in der einfachſten und le⸗ bensvollſten Weiſe von der Welt. Es iſt Kleinmalerei aber von vollendeter Wahrheit und oft wunderbarer Schuͤn⸗ heit; die Verhältniſſe exiſtiren, die Meu⸗ ſchen leben, die Herzen ſchlagen. Anmu thig und neckiſch, ſpannend und ergrei⸗ fend, gemüthlich und voll ächter Komik geht alles Zug für Zug an uns vorüber. Ueberhaupt ſind die Menſchen, und zwar oft nur mit wenigen Stri⸗ chen, ganz trefflich gezeichnet, und be⸗ ſonders die beiden Kinder mit einer Naturwahrheit dargeſtellt, wie wir es bisher nirgends beſſer gefunden haben.