Jahrgang 
1 (1857)
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Von F. W. Hackländer. 485

Chriſto, die Kerkerſcene zwiſchen Dantes und Abbe Faria, ſo hört man daſſelbe Geplauder und Lachen in den Logen, ſieht denſelben Ausdruck von Langeweile im Parterre, wie bei irgend einem mittelmäßigen Chore. Da⸗ für hat das Publikum auch wieder ſeine Lieblingsſcenen, ſei es der große Pas einer gefeierten Tänzerin, ſei es irgend ein Chortanz mit kunſtvollen Gruppirungen und Figuren, in deren Erfindung und Ausführung die italieniſchen Balletmeiſter und ihr Perſonal außerordentlich geſchickt ſind; und wenn ſelbſt die Zuſchauer endlich auch für ein ganzes Ballet anfangen lau zu werden, ſo bleiben doch meiſtens noch einige Scenen übrig, die im Stande ſind, das Haus auf Augenblicke zu füllen; es hat das etwas Ko⸗ miſches, wenn man oft gegen eilf Uhr ſieht, wie die Zuſchauer haſtig das Theater betreten, und mit einer wahren Aengſtlichkeit fragen: iſt dieſer oder jener Pas ſchon vorüber?

So beſuchten die Elegants in la Fenice in Venedig zuletzt nur noch das Theater, um einen einzigen Sprung der Tänzerin Polcini zu ſehen; es war Modeſache, dem angewohnt zu haben und nachher ſagen zu können: heute Abend hat ſich die Polcini übertroffen. Es war das eine kleine gutgewachſene Tänzerin von runden angenehmen Formen, ſchwarzem Haar und blitzenden Augen; ſie tanzte ſehr graziös und war von der Behendigkeit eines Kreiſels. Dabei war es komiſch anzuſehen, wie ſie mit dem Publikum ſchmollte, wenn ihr nicht gehörig Aufmerkſamkeit und Beifall gezollt wurde; ja ſie war alsdann ſchwer zu verſöhnen, warf das Köpfchen in die Höhe und ſchritt nach rückwärts ganz mit den Bewegungen eines zierlichen eleganten Wachtelhündchens. Es bedurfte alsdann lange des Pochens mit Händen und Füßen, lauten Klatſchens und vieler Brava's, ehe ſie ſich um⸗ wandte und durch fortgeſetzte Zurufe bewogen werden konnte, ihr finſteres Geſichtchen aufzuhellen. Wie das aber anfing freundlich zu werden, ſo ſteigerte ſich der Beifall im Parterre und in einzelnen Logen, und ſo führte die Polcini und das Publikum eine artige Komödie in der Komödie auf, bis jene zufrieden geſtellt war und lachend davon ſprang, begleitet von einem donnernden Applaus.

Der eben erwähnte Sprung der Polcini war von einer einfachen, aber in der That höchſt graziöſen Bewegung begleitet; am Schluſſe eines Pas warf ſie ihr Tänzer nach einer gewaltigen Pirouette in die Höhe, und hoch in der Luft bog ſie ſich wie eine Stahlfeder zuſammen, das Publikum anmuthig begrüßend.