Jahrgang 
1 (1857)
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naßen

Heimat

Von F. W. Hackländer. 483

Unintereſſantes, weßhalb ſich das Haus auf ſeine Weiſe amuſirt. Es ſummt dann in allen Räumen wie in einem koloſſalen Bienenſtock; nicht ein ein⸗ ziges Geſicht in den Logen iſt der Bühne zugekehrt; man ſchaut rechts, man ſchaut links, nach oben und nach unten, Herren und Damen ruhen nach⸗ läſſig an der Brüſtung, und die Zuſchauer im Parterre blicken ebenfalls angelegentlich in die Höhe.

Ueber die Sänger auf der Bühne und über das Orcheſter ſchwingt der Geiſt der Langeweile ſeine bleiernen Flügel; je mehr Geräuſch im Hauſe iſt, um ſo matter und langweiliger wird geſungen und geſpielt. Der Kapellmeiſter markirt höchſt i äfrig ſeinen Takt und blickt nicht auf die Partitur, denn er hat oben in einer Loge Wichtigeres zu ſehen. Die Geiger ſuchen einen Arhaltaruntt. für ihre linke Schulter, und ein Klarinettiſt wackelt ſo mit dem Kopfe und läßt die Augenlider ſo tief herabhängen, daß wir jeden Moment befürchten, er werde unter einem gellenden Mißton ſeines Inſtru⸗ mentes vollends entſchlummern.

Es iſt, als ob ein ermattendes Gefühl der Sieſta über alles, was zum Theater gehört, liege; müde ſchl eicht der Theſpiskarren durch tiefen Sand, Lenker und Paſſagiere deſſelben ſcheinen ſich zuzuflüſtern: wenn das nur ſchon vorüber wäre!

Und es geht vorüber; ein vortrefflicher erſter Tenor, eine gute Sän⸗ gerin tritt auf; ſchon das Ritornell, das ihrem Geſange vorausgeht, hört ſich ganz anders an als die letzten Takte des verdroſſen abſchleichenden Chores. Der Kapellmeiſter hat ſich emporgerichtet, wir hören ſeinen Tak⸗ tirſtock ein paarmal klingend gegen das B Blech des Notenpults anſchlagen, und verſchwunden iſt mit einemmale Müdigkeit und Langeweile. Geiger und Klarinettiſt ſehen friſcher aus als den ganzen Abend, ulle ſicler in den Logen wenden ſich der Bühne zu und einige 8 S s s st! im Parterre fordern zu tiefer Stille auf. Dies iſt aber gewöhnlich nicht thig, denn in den allermeiſten Fällen iſt das Publikum über die Leiſtung ſeiner Sänger einig; entweder iſt er grundſchlecht und

s st!

man verhöhnt ihn, oder mittelmäßig man ignorirt ihn vollſtändig; oder er iſt gut man erzeigt ihm alle Aufmerkſamkeit.

Es braucht nur ein paar Sekunden beim Erſcheinen eines guten Sängers, um in dem vorhin noch ſo lärmenden Hauſe eine Todtenſtille hervorzubringen; man könnte eine Stecknadel fallen hören; man verliert

nicht die geringſte, noch ſo pianiſſimo vorgetragene Figur des Geſanges;

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