Jahrgang 
1 (1857)
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476 Araucania.

welchen es keine Hotels gibt, ſondern er iſt auch artig und nicht ſelten höf⸗ lich bis zur Langweiligkeit.

Zweifelsohne hat man in Araucanien begriffen, daß eine gewiſſe äußere Form ein nothwendiges Band für den Zuſammenhalt der menſch⸗ lichen Geſellſchaft iſt, und ſo wird denn dieſe Form auf das Sorgfältigſte beobachtet und bewahrt. Kömmt zum Beiſpiel ein Reiſender, einer⸗ lei, ob ein Verwandter, ein Landsmann oder ein Fremder, an die Woh⸗ nung eines Araucaners, ſo darf er keineswegs ohne weiteres eintreten, ſondern er hält an einigen unweit des Hauſes eingeſchlagenen Pfählen und ruft. Der Hausherr tritt hinzu, und nun gibt der Reiſende an, wo er her⸗ kommt, wo er hingeht, wer er iſt und welche Geſchäfte er hat. Alles je umſtändlicher, deſto beſſer. Nachdem ihn der Hausherr nun auf gleiche formreiche Weiſe gebeten hat, vom Pferde zu ſteigen, beginnt eine Reihe von Fragen nach dem Befinden des Reiſenden, nach dem Ziele der Reiſe, nach Vater und Mutter, der lieben Frau, den hoffnungsvollen Kindern und endlich nach der ganzen Sippſchaft im weiteſten Sinn des Worts, und ohne daß der Fragende häufig nur weiß, ob der Befragte überhaupt irgend etwas einer Familie Aehnliches beſitze. Dann wird ſcheinbar mit dem leb⸗ hafteſten Intereſſe nach Ortſchaften gefragt, durch welche der Reiſende ge⸗ kommen, nuch dem Stande der Heerden, der Felder und ſo weiter, kurz alles, was der Angekommene nur im mindeſten berührt hat, iſt für den Hausherrn ſcheinbar vom höchſten Intereſſe. Aber er wird mit gleicher Münze bezahlt, denn der Fremde gibt hierauf alle Fragen mit derſelben Ceremonie zurück. Oft währt dieſer Zweikampf der Artigkeit über eine halbe Stunde lang und endigt jedesmal damit, daß man ſich umarmt, in⸗ dem man ganz nach Art feiner Europäer, ſich gegenſeitig den Kopf auf die rechte und linke Schulter legt und ſich leiſe die Wangen ſtreift.

Das iſt die formelle Seite des Empfangs. Die eigentlich gaſtfreund⸗ liche hat aber zugleich mit ihr begonnen, denn bereits während des erſten Rufens des Reiſenden fangen die Frauen des Hauſes an, ein Mahl zu bereiten, und erfordert es die Jahreszeit, einen bequemen Sitz am Feuer für den Gaſt herzuſtellen. Von dem Augenblick der Unterredung an alſo iſt er betrachtet wie ein alter Freund der Familie, und nirgends ruht ſein Haupt ſicherer als unter dem Dache ſeines Gaſtfreundes.

Das iſt eine ſchöne Sitte dieſer braunen Männer und auch nachah⸗ mungswerth von weißen Männern. Weniger Empfehlung für dieſe verdient