20 Das Haus van der Roos.
Was es jedoch auch bei Herrn van der Roos geweſen ſein oder noch ſein mochte, äußerlich raffte er ſich jetzt wenigſtens empor, und indem er die Arme mit einer heftig zuckenden Bewegung über die Bruſt ſchlug, ſprach er mit kaum verſtändlicher Stimme:„ich hätte es wiſſen können! Es gibt nichts frecheres als ein verderbtes Weib.“—„Sieh zu deinen Worten!“ ſagte ſie drohend.„Ich will dergleichen in meinem Zimmer nicht hören.“ —„Aber das ſoll ein Ende nehmen,“ knirrſchte er, ohne ihre Rede zu beachten.„Ich will dieſen erlogenen Tugendglanz von Ihrer Stirn reißen! Sie ſollen ſich in Ihrer Nacktheit vor mir ſehn, Madame! Ich will nicht ruhen, bis ich als Herr dieſes Hauſes dieſes ſündige Haupt vor mir ge⸗
beugt ſehe—.“—„Noch einmal, Herr van der Roos, ich will dergleichen nicht hören in meinem Zimmer!“ unterbrach ſie ihn feſt und richtete ſich auf.—„Wagen Sie in dieſem Hauſe noch etwas Ihr zu nennen, Madame?“—„Ja, Herr van der Roos, ſo lange, bis ich es mit dem
verlaſſe, was darin mir gehört. Und das geſchieht morgen früh.“— „Weib!“ brauste er auf,„bringe mich nicht zum Wahnſinn mit deinem Trotz und Hochmuth, oder—.“— Er hob die Hand.—
„Dieſe Attitüde verliert ihr)e Wirkung,“ ſprach ſte mit ſcharfem, kal⸗ tem Hohn.„Es iſt zu dunkel, ich will nach Licht klingeln.“ Sie ſchritt gegen den Hintergrund des Zimmers zu, an ihm vorüber.„Weib!“ rief er und faßte ihren Arm.—„Roos—!“—
„Aber Vater!— Aber meine Mutter!“ rief in dem Augenblick eine andere Stimme im Ton der höchſten Aufregung, und aus der Portiere, die neben dem großen weißen Ofen den Eingang zum Alkoven verhüllte, ſprang ein junger Mann plötzlich zwiſchen die Eltern, und riß den Vater mit Kraft zurück.„Sind Sie wahnſinnig, Vater?“ rief er und ſtellte ſich feſt vor ihn.„Es iſt eine Frau, die Sie in Ihrem Hauſe beleidigen! Es iſt Ihre Frau! Es iſt meine Mutter! Meine theure— theure Mutter! Gott
im Himmel— daß ich ſo ſpät kommen mußte! Daß ich das hören, das
erleben mußte! Meine arme— arme Mutter!“ Und er wandte ſich und kniete, ohne auf den Vater weiter acht zu geben, neben der Frau, die bei ſeinem Dazwiſchentritt einen leiſen Ruf des Schreckens ausgeſtoßen und dann in einen der Lehnſtühle geſunken war, die hier am runden Tiſch vor dem Sopha ſtanden.
Roos hatte ſich inzwiſchen gefaßt. Er fuhr mit der Hand über die Stirn, und indem er dann wieder die Arme über die Bruſt legte, ſagte er


