Jahrgang 
1 (1857)
Einzelbild herunterladen

2

14 Das Haus van der Roos.

Dem Ausſterben war das Geſchlecht nur einmal, in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, wieder nahe geweſen, aber auch da ward

der Untergang abgewendet. Sonſt hatte der alte Stamm ſtets in zahl⸗

reichen Sproſſen gegrünt und geblüht, und wie es ſeine Wappen verhießen, waren faſt ſtets ſtarke, kraftvolle, unerſchütterliche Männer und blühende ſchöne Frauen die Träger des Namens geblieben. Seine Abkömmlinge fanden ſich theils in der Vaterſtadt, theils in der Umgegend oder in andern Handelsplätzen, in Europa und Amerika verſtreut. Allein das Haupthaus und der Wohnſitz des älteſten Sohnes der alten ungebrochenen Linie blieb immerdar das Thurm- und Roſenhaus auf dem Güllendamm. So hieß es bei der Familie, ſo hieß es in der Stadt und überall, wo

man wußte von den Weſtritz van der Roos. Da lebten, da handelten,

da ſtarben ſte, wenn ihre Zeit gekommen, und es ſchien nichts um ſie her zu ſein als Anſehn und Ehre.

Beim Beginn dieſer Geſchichte und zu Anfang der dreißiger Jahre unſeres Jahrhunderts war der Chef des Hauſes Herr Vincenz van der Roos. So wurde das Geſchlecht der Kürze wegen genannt. Es war ein Mann, ſeines Namens und ſeiner Ahnen würdig, von kraftvollem Körper, von gewandtem und klarem Geiſt und ſtarkem Herzen. Durch alle Kriſen und Stürme der Napoleoniſchen Zeiten hatte er ſein Geſchäft ſiegreich und, ſo viel man wußte, ohne Wanken durchgeführt und ihm, ſeit der Friede gekommen, einen bisher nie gekannten Aufſchwung gegeben, ſo daß man ihn nur nochden reichen Roos nannte. Obgleich ſelbſt nicht mehr jung, ſah er doch auch ſeine Mutter noch am Leben; in hohen Jahren wohnte die Matrone im Altenbau, während im Haupthauſe die eigene Familie des Chefs lebte. Seine Frau, Magdalene, um wenige Jahre jünger als er, zeigte noch jetzt Spuren der großen, ungewöhn⸗ lichen Schönheit, wegen der ſie vor Zeiten berühmt geweſen; vier Kin⸗ der, zwei Söhne und zwei Töchter, waren bereits ſchön und kräftig herangewachſen; und wer den Mann ſo im Kreiſe der Seinen ſah, in ſeinem prachtvollen und ehrwürdigen Hauſe, in ſeinem großartigen, blü⸗ henden Geſchäft, der hätte ihn mit vollem Recht auch denglücklichen Roos nennen können. Der Thurm ſtand und die Roſe blühte, und niemand war, der von einem Mißgeſchick wußte, welches in dieſem Hauſe jemals daheim geweſen.