10 Das Haus van der Roos.
geſchlechts. Die Ahnen haben es erbaut und zuſammen gebracht, und die Nachkommen hauſen dort noch immer in alter Würde und im gleichen Anſehn.
Von einem Hofe in der Umgebung der Stadt war das Geſchlecht der Weſtritz zu Anfang des dreizehnten Jahrhunderts in die ſchützenden Mauern übergeſiedelt, hatte das Bürgerrecht erworben und durch Reichthum und Mannlichkeit großes Anſehn erlangt. Als Rathsherren, mehr als einmal auch als Bürgermeiſter, oder als Stadthauptleute hatten ſie der Stadt gedient, ihr Anſehn vermehrt und durch alsbald unternommene und ins Große getriebene Handelsgeſchäfte ihren Reichthum vergrößert. Das Haus am Güllendamm war um die oben genannte Zeit von dem Rathsherrn Florenz Weſtritz erbaut, von ſeinen nächſten Nachkommen der Beſitz ver⸗ mehrt und abgerundet worden, und das Geſchlecht hauste und handelte und mehrte ſich darin beinah zwei Jahrhunderte lang.
In den unruhigen Zeiten jedoch, welche, wie ein wenig früher oder ſpäter faſt überall in dieſen alten Städten, während der ganzen erſten Hälfte des ſechzehnten Jahrhunderts auch über dieſe Stadt hereinbrachen, waren mehrere Glieder der Familie umgekommen oder ausgewandert, ſo daß gegen das Jahr 1580 der alte Stamm nur noch in dem Bürgermeiſter Balthaſar Weſtritz und ſeiner einzigen, von vielen Kindern allein übrig gebliebenen Tochter Margarethe fortblühte. Der Alte war in ernſten Sorgen. Verwandte hatte er nicht, mit Ausnahme einer Familie in einer Nachbarſtadt, die aber dem katholiſchen Glauben treu geblieben, von ihm auf das kräftigſte gehaßt wurde. Unter den bisherigen Bewerbern um Margarethens Hand fand ſich niemand, der ihm oder der Tochter zugeſagt, und auch in allen ihm verbundenen und bekannten Handelshäuſern wußte er keinen, den er zum Eidam, zur Fortführung ſeines Namens und ſeines Geſchäfts hätte wählen mögen. Denn er hatte es ſich in den Kopf geſetzt, daß dereinſt bei ſeinem Tode weder ſein Name noch ſein Geſchäft erlöſchen dürfte. Im Gegentheil ſollten ſie im alten Glanz, am alten Orte fort⸗ dauern, bis in die ſpäteſten Zeiten.
Um dieſelbe Zeit, im Jahre 1580 etwa, war der Aufſtand der Nie⸗ derlande gegen die ſpaniſche Herrſchaft im vollſten Brande, und nach den erſten Schaaren der Auswanderer begannen jetzt auch einige der großen Handelsherren davonzuziehen, da ſie allmälig ihre Geſchäfte zu Grunde gehn ſahen und alle Hoffnung auf eine baldige günſtige Wendung der


