Jahrgang 
1 (1857)
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Von Edmund Hoefer. 5

Frachtwagen unermeßliche Güter zu ſeinen weiten Speichern; da ſchien der Graben nur für dies Haus dazuſein, denn die Böte und Leichterſchiffe drängten ſich, die Frachten für die großen Schiffe draußen im Hafen hier ab⸗ zuholen, hier auszuladen. Da wimmelte es auf dem weiten Hofe, in den Speichern von rührigen Arbeitern, der Flur und die Schreibſtuben wurden nicht leer von den derben Schiffern, den ſchweren Handelsherren; der ſtolze Patrizier begegnete hier dem bewußtvollen Zunftmeiſter, die Sendboten der Hanſa trafen hier zuſammen mit den Geſandten des Landesfürſten oder den Botſchaftern fremder Könige. Denn das Geſchlecht, welches hier hauste, hatte von jeher eine wichtige Stimme nicht nur im Regiment der eigenen Stadt, ſondern auch in allen Angelegenheiten des ganzen Bundes. Oder es zog auch einmal ein anderer Tag herauf, wo niemand durch die weiten Thüren ging. Da waren vielmehr die maſſiven Flügel feſt ver⸗ ſchloſſen, verriegelt und verrammelt; da ſchmetterten die Hämmer der Schmiede und die Beile der Fleiſchhauer drohend und gewaltig dagegen, und ein raſendes Volk ſchrie nach Rache an den hochmüthigen Beſitzern. Aber die Thore hielten, die Mauern ſtanden!

Seht es nicht an, das alte Haus! Es hat zu viel erlebt, Ernſtes und Heitres. Was iſt die jetzige Luſt gegen die alte Ausgelaſſenheit! Was bedeutet aller Ernſt des heutigen Lebens gegen die damaligen Schrecken! Seht es nicht an; es iſt zu ernſt und zu ſtill, und alles Himmelsblau und alles Sonnenlicht vermögen es nicht aufzurufen aus ſeiner tiefen, ge⸗ faßten, gleichgültigen Ruhe.

Und wiederum müßt ihr das Haus nicht anſehen an einem klaren Mondſcheinabend, denn da tritt es euch ſchier grauſtg und erſchreckend ent⸗ gegen. Da ſchmiegt ſich der blanke Strahl an die mit laſirten Ziegeln be⸗ legten Wölbungen der kleinen Luken im Giebel und läßt ſie leuchten in einem gedämpften, geheimnißvollen Licht, während die von Zeit und Wetter ſchwarzbraun gebeizten Füllungen dunkel darin ruhen als ſeien es düſtere Augen im hellen Ring. Da ſcheint ein geiſterhaftes Leben all die Zinnen und Zacken zu erfaſſen, ſie zu recken und zu dehnen; traumhaft und geheimnißvoll umſchwebt es all das zierliche Stabwerk, die bunten Steinnetze, die feſten, ſcharfgeſchnittenen Zinnen, die tiefen Niſchen und zierlichen Bögen; es iſt, als wollten die alten Tage daraus hervorſteigen, als wehe uns der Odem der vergangenen Zeiten an. Und abergläubiſch erſchüttert fragen wir: ſollten all die vielen Stunden ſpurlos daran vor⸗