* 4 Das Haus van der Roos.
ließ den unbrauchbaren Schutt der niedergeſchmetterten Häuſer in den alten Kanal— im Volksmund„der Graben“ genannt— führen, ihn aus⸗ füllen und planiren. Nach und nach ward die Gegend auch wieder bebaut, da ſie nicht fern vom Hafen und zunächſt hinter dem„Fiſchmarkt“ liegt, wo nicht nur die Fiſch⸗, ſondern auch die Wochen⸗ und Kornmärkte ab⸗ gehalten werden. Die andere Seite des früheren Quais, wo vordem der Graben geweſen, erhielt auf dem aufgeſchütteten Grunde eine Reihe ziem⸗ lich anſtändiger Häuſer; die Bergenfahrer⸗Straße, welche vom Hafen zum Fiſchmarkt führt, ſetzte man über den Platz hinaus an der alten Marien⸗ kirche vorüber bis auf den Güllendamm fort, und erhielt ſo in dieſer Gegend das einzige Viertel der Stadt, wo ſich wenigſtens noch einiger⸗ maßen Leben und Bewegung und ein gewiſſer Fortſchritt zum Beſſern zeigte.
Wie oben berichtet, hatte vor etwa hundertundzwanzig Jahren ein auffliegender Pulverthurm den größten Theil der hier gelegenen Gebäude umgeworfen, und außer der Marienkirche waren nur hie und da ein paar einzelne alte, maſſive Häuſer übrig geblieben, um an die Tage der Blüthe und des Glanzes der Stadt zu erinnern. Doch waren auch dieſe meiſtens Bauwerke aus dem fünfzehnten und ſechzehnten Jahrhundert und boten außer ihren ſchweren, feſten und bisher unerſchütterlichen Maſſen wenig Bemerkenswerthes dar. Dort jedoch, wo die Bergenfahrer⸗Straße auf dem Güllendamm ausmündet und ihr Ende erreicht, ſtößt ſte grade auf ein altes Giebelhaus, in welchem uns eins der ſchönſten Denkmale des mittel⸗ alterlichen Ziegel- und Häuſerbaus, wo nicht das allerſchönſte erhalten iſt.
Aber ihr müßt es nicht anſehn, wenn der Himmel ſich blau darüber wölbt und die Sonne es mit ihren vollſten Strahlen umfängt, denn es ſticht zu dunkel und düſter von ſolchem Glanze ab, welcher es nicht mehr erwärmen und beleben zu können ſcheint. Es iſt gleichſam zu alt und ernſt für ein ſo ſcharfes Licht, für den leuchtenden Tag; die Jahrhunderte ſind darüber hingezogen nicht allein mit den ſchleichenden und zehrenden Tagen und Jahren, ſondern auch mit den Regen⸗ und Schneeſtürmen des Him⸗ mels und dem Staub der Erde; nicht nur mit dem geordneten und geregel⸗ ten, geſetzmäßigen Leben der Jetztzeit, ſondern auch mit dem ganzen friſchen und wilden, rauhen und bewegten Wirbel des Mittelalters. Als das Haus noch jung war und die Mauern noch im friſchen Glanze leuchteten, da ſah es andere Bewegung, andere Scenen, andere Menſchen. Da führten große


