Jahrgang 
1 (1856)
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Von Julius von Wickede.

für uns, und die Mutter bekam von all dem vielen Weinen ganz rothe Augen. Von jetzt an ging es in unſerm Hauſe noch viel ſchlechter als ſonſt, und obſchon die Mutter ſich den letzten Biſſen vom Munde abdarbte und uns Kindern zuſteckte, ſind wir doch öfters hungrig zu Bette gegangen. Die Mutter ging zweimal in der Woche als Botenweib für das Landgericht und den Herrn Pfarrer von St. Leonhard nach Meran, und wenn der Wind auch noch ſo heulte und der Schnee viele Fuß hoch lag, ſie ließ nicht ab, wenn nur irgend möglich den weiten Weg zu machen, um die paar Kreuzer Botenlohn zu verdienen. Wenn ſie zu Hauſe war, da ſpann ſte den ganzen Tag von früh morgens bis Abends ſpät, und wir Kinder mußten im Som⸗ mer Kräuter für die Apotheker in Meran auf den Bergen ſuchen und Erd⸗ beeren pflücken, und was es denn ſonſt noch für derartige Arbeiten gab, wobei ein paar kleine Fratzen hie und da einige Kreuzer verdienen können. Dabei wurden wir aber Beide, die Zenzi, meine Schweſter, und ich, groß und ſtark, und was Krankheit war, wußten wir gar nicht dem Namen nach. So wuchſen wir denn in Armuth und Geſundheit von Jahr zu Jahr immer mehr auf, und da wir ſo nach und nach ſchon immer mehr verdienen konnten, fing es auch in unſerm Hauſe wieder an beſſer zu werden. Wir hatten wieder alle hohen Feſttage ein Stücklein Fleiſch, die Mutter konnte ſich des Sonntags hie und da einen Kaffee kochen, und hungrig zu Bette gehen brauchte keines mehr von uns, ſondern konnte ſich den Leib mit Knö⸗ deln und Plenten voll genug ſtopfen. So hatte uns denn das Vertrauen auf den lieben Gott doch nicht zu Schanden werden laſſen.

Ich arbeitete nun ſchon als Holzknecht bei den reichen Bauern und verdiente manchen Zwanziger; denn dazumal gab es ſolche noch bei uns in Tirol. Da ſah ich bei einem großen Bittgang zuerſt die Vevi, die jetzt ja meine Frau iſt. Wie mir die denn gleich aber in die Augen ſtach, das kann ich Ihnen gar nicht mit Worten ſagen. Noch niemals war ich verliebt ge⸗ weſen und um alle die andern ſauberen Mädels im Paſſeyerthal hatte ich mich niemals bekümmert, aber die Vevi, die that es mir gleich ſo an, daß ich mir ſelbſt ſagte, die oder keine andere müßte ich zur Frau haben. Wie das nun ſo von Gott kommt, ſo hatte die Vevi denn auch gleich ein Auge auf mich geworfen, und wie wir nun erſt näher mit einander ins Geſpräch kamen, wurden wir uns bald von ganzem Herzen gut. Das iſt für Sie

weiter keine Geſchichte, wie wir uns denn immer lieber und lieber bekamen

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