Jahrgang 
1 (1856)
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Von Julius von Wickede. 467

hatte, überſchauen. Und wie köſtlich rein und erfriſchend war die Luft ſchon auf dieſem Berghofe! Die Bruſt mochte dieſelbe ſo recht in vollen Zügen einſaugen. Dicht hinter dem Hauſe zog ſich eine lange Wieſe den Berg hinauf, auf der die Grasgewinnung zwar ihrer ſteilen Lage wegen ungemein beſchwerlich ſein mußte, deren in große Haufen aufgeſchichtetes Heu dafür aber auch den ſo ungemein würzigen Duft ausſtrömte, wie nur die Kräuter und Gräſer der höheren Alpen ihn beſitzen.

Die Ausſicht hier war zu entzückend, als daß ich mich ſogleich wieder von derſelben hätte trennen können, und ſo ließ ich denn meinen freundlichen Wirth voran in das Haus treten und folgte ihm erſt nach einigen Augen⸗ blicken. Ein ungemein anheimelndes Bild zeigte ſich mir, wie ich in die Wohnſtube trat. Auf einem geflochtenen Stuhl ſaß die Frau des Hauſes, ein kräftiges, blühendes Weib mit einem offenen, friſchen Geſicht, in dem die großen braunen Augen und die blendend weißen Zähne hinter den rothen Lippen beſonders hervorblitzten, und hatte vor ſich einen tüchtigen, paus⸗ backigen Säugling, der in gierigen Zügen die Lebensmilch aus ſeiner Mutter Buſen ſog. Auf einen niederen Schemel zu den Füßen ſeiner Frau hatte mein Begleiter ſich geſetzt, den geſunden rechten Arm in inniger Liebe um ihren Leib gelegt und mit Blicken des aufrichtigſten Glückes ſein blühendes Weib und kräftiges Kind betrachtend. Zwiſchen den Knien des Vaters und mit dem leeren Aermel des fehlenden linken Armes ſpielend, ſtand ein zweites Kind, das ſchon einige Jahre alt ſein mochte, recht ſo ein herziges Büblein mit hellblondem Kraushaar und einem Geſichtchen, das von Ge⸗ ſundheit und Leben förmlich ſtrotzte. In einem Winkel am Fenſter ſaß eine alte, recht ſauber gekleidete und ungemein ehrwürdig ausſehende Frau, deren Haar ſchon ſilberweiß war, und ſpann mit unermüdetem Eifer fort. Es ward mir faſt wehmüthig ums Herz, wie ich dieſe ſo ungemein anſprechende häusliche Gruppe betrachtete, und ein Gefühl der Sehnſucht nach Familien⸗ glück, Häuslichkeit und Ruhe beſchlich mich raſtlos Wandernden, der auf all ſolch Glück ſchon längſt verzichten gelernt hatte. Wie ſtolz und zufrieden ſah aber auch jetzt der ehemalige Kaiſer⸗Jäger aus, mit keinem Fürſten hätte er in dieſem Augenblick getauſcht.

Schamhaft erröthend, daß ich ſte bei dieſer ſo ſchönen Erfüllung ihrer Mutterpflicht überraſcht hatte, wollte die Bauerfrau ſich zwar anfänglich bei meinem Eintritt erheben und den kleinen Säugling, der über dieſe un⸗ willkommene Störung ein ſehr verdrießliches Geſichtchen machte und das

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