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464 Der Kaiſerjäger im Paſſeyerthal.
Seelen zählt, dem Kirchenbuche nach, von 1658— 1852 an 314 Perſonen nur allein durch Stürze von ſteilen Bergabhängen ums Leben gekommen.
Ich mochte an dem Morgen wohl einige hundert Schritte mit fröh⸗ lichem Muth und leichtem Sinn fortgeſchlendert ſein, als mich ein zweiter Fußwanderer einholte und mit der anſtändigen Höflichkeit, die man in ganz Nordtirol gegen Fremde zeigt, einen guten Morgen bot. Er war wie ein Bauer des Thales gekleidet und äußerlich ſchon einer der kernigen Kraft⸗ menſchen, die man hier ſo häufig findet. Faſt ſechs Fuß hoch mußte er in ſeinen Schuhen ſtehen, und die Bruſt war ſo gewölbt, die Schultern ſo breit, daß ein Bildhauer für eine Statue des Herkules nicht leicht ein beſſeres Modell hätte finden können. Das Geſicht war von der offenen regel⸗ mäßigen Schönheit, die man im Paſſeyerthal unter den Männern oft ſteht, zeigte aber dabei einen ungewöhnlich kühnen, energiſchen und lebhaften Ausdruck. Auch die ganze Haltung des Mannes war grader und aufrechter als ſie ſonſt die Bauern zu haben pflegen, und man konnte den länger ge⸗ dienten Soldaten auf den erſten Blick in ihm erkennen. Das bewies auch ſchon die Art und Weiſe, wie er mich grüßte, und beſonders die Anrede, in der zwar der Paſſeyer Dialekt ſtark hervorklang, die aber ſonſt viel von dem eigenthümlichen Armeedeutſch hatte, das in dem ganzen k. k. Heer mit ge⸗ ringen Ausnahmen geſprochen wird. Aber auch ein tüchtiger Krieger, der das Herz auf dem rechten Fleck trug und Oeſterreichs Fahnen keine Schande gemacht hatte, mußte mein neuer Gefährte geweſen ſein; denn auf ſeiner „Jope“ von grobem braunem Lodenzeug, vorn an der Bruſt nach Paſſeyer Art roth ausgeſchlagen, glänzte die ſilberne Tapferkeitsmedaille. Trägt aber jemand im großen Kaiſerſtaat dies Zeichen der Tapferkeit, welches wahrlich nicht ſo ohne Weiteres verliehen wird, ſo kann man ſicher ſein, daß es ein Ehrenmann iſt, dem jeder, der den Soldatenſtand ſchätzt, mit Freuden die Hand reichen wird.
Nach einigen Eingangsworten über Wetter und Weg, wie ſich zwei Fußwanderer, die ſich einander begegnen, zuerſt mitzutheilen pflegen,— es kam mir dabei meine frühere Dienſtzeit im k. k. Heer trefflich zu ſtatten, da ich ſonſt wohl meinen neuen Begleiter nicht ſo gut verſtanden hätte — theilte er mir mit, daß er nach einem Berghofe in Mooſa gehen wolle, auf dem er wohne. Er hatte in Meran Geſchäfte gehabt, war am geſtrigen Morgen dahin gegangen und dann ſogleich nach Beendigung ſeiner Verrichtungen in der mondhellen Nacht wieder zurückgekehrt, um


