Jahrgang 
1 (1856)
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Von Julius von Wickede. 463

etwaigen Leichen in denſelben müſſen unter dem Eiſe ſo lange aufbewahrt bleiben, bis der Frühling es wieder erlaubt, ſie in der geweihten Erde des Kirchhofes von St. Martin zu begraben. Will dann ein Sterbender die heiligen Sakramente haben, ſo muß der fromme Prieſter oft mit äußerſter Lebensgefahr den Weg antreten, um ſolchem Wunſche, wenn irgend möglich, Genüge zu leiſten. Noch im letzten Winter iſt der Fall vorgekommen, daß der Bauer vonLuimes, ſo heißt der letzte Berghof im Kalmthal, im Sterben lag und die heiligen Sakramente verlangte. Sechs ſtarke Holz⸗ und Sennknechte waren nöthig, dem Prieſter durch alle die Schneegründe den Weg zu bahnen, und vierzehn Stunden bedurfte man, um von St. Martin bis nach dem Luimeshof zu gelangen, eine Strecke, die ich im Herbſte ſelbſt ſchon in zwei und einer halben Stunde aufwärts geſtiegen bin.

Für mich ſelbſt nun hat dies wilde Paſſeyerthal ſtets einen eigenthüm⸗ lichen Reiz gehabt, und ſo oft ich in Meran einige freundliche Herbſt⸗ wochen verlebte, verſäumte ich faſt nie, eine mehrtägige Fußwanderung dahin anzutreten. Man thut bei einer ſolchen Wanderung am Beſten, wenn man das oft genannte Wirthshausam Sande oderzum Sand⸗ hof, in dem Andreas Hofer ſo lange Jahre als friedlicher Wirth und Vieh⸗ händler wohnte, zum Mittelpunkt derſelben macht. In fünf bis ſechs Stunden kann man auf bequemen Wegen von Meran aus zu Fuß dahin gehen und iſt macht man nicht zu verwöhnte Anſprüche, und das ſollte ein Fußwanderer in Tirol niemals thun, in dem reinlichen und wohnlichen Wirthshauſe trefflich aufgehoben. Von dieſem Sandhofe aus laſſen ſich aber größere und kleinere Ausflüge nach allen Richtungen des Thales machen, und wer grade kein beſonderer Liebhaber davon iſt, des Nachts in einer Sennhütte auf dem Heu zu ſchlafen, kann dieſe Partieen auch ſo einrichten, daß er in der Regel mit der ſinkenden Sonne dies Standquartier wieder erreicht.

An einem ſchönen klaren Septembermorgen des Jahres 1854 verließ ich gleichfalls fröhlichen Muths dieſes Wirthshauszum Sande, um eine plan⸗ loſe Wanderung nachGlaiter in Hinterpaſſeyer zu unternehmen. Es iſt dies mit die abgelegenſte, wildeſte Gegend, die man in ganz Tirol nur finden kann, und das Sprichwort ſagt von derſelbenzu Glaiter darſchiepen Ger⸗ fallen) die Katzen und Geier, und das Brod, das aus dem Backofen fällt, iſt ganz verloren, da es der Bauer nicht mehr einholen kann, bis es den Berg hinunter rollt. Sind doch in dieſer einzigen Gemeinde, die kaum 600